Der Winter ist da.

Tag 1648. Die Jubiläumswoche ist gemächlich dahin gegangen. Der Sinnfrage bin ich nicht begegnet. Manchmal drängt sie sich auf. Aber nicht in dieser Woche. Die sonnige, kalte Winterwelt ist selbsterklärend. Ich brauche keine Antworten. Ich trabe vor mich hin. Die Atmung fließt. Ich bin stark und gesund. Das Moos an den Bäumen leuchtet grün. Der See glitzert bis zum Höhenweg hinauf. Eichelhäher schreien mich an. Krähen zeigen ihre Flugkünste. Alles in Ordnung.

Am letzten Sonntag (Tag 1642) turnte ich am Morgen. Abends lief ich kurz. Schneeflocken fielen in der Dunkelheit. Beim Bodenkontakt schmolzen die Flocken dahin.

Am Montag (Tag 1643) lief ich die Parkseerunde zwischen zwei eisigen Schneestürmen (7 km). Der Schnee überlebte am Boden nur kurzzeitig als schmelzender Eishaufen. Als ich lief schien die Sonne.

Am Dienstag (Tag 1644) und Mittwoch (1645) lief ich nur kurz.

Am Donnerstag (Tag 1646) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Die Sonne schien. Es gab Momente, da fühlte sich die Luft warm an. Dennoch war der Lauf sehr anstrengend. Ein Süppchen am Tag zuvor war wohl keine ausreichende Vorbereitung für den Lauf. Die GPS-Uhr nahm mir die beiden kurzen Läufe an den zwei Tagen zuvor übel. Denn mein Fitness-Alter war auf 36 Jahre gesunken.

Am Freitag (Tag 1647) lief ich noch einmal die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Wieder schien die Sonne. Einmal kam eine dicke schwarze Wolke heran gesegelt. Es regnete vorsichtig und sanft ein paar Minuten lang. Dann war wieder Sonnenschein. Ich hatte am Tag zuvor ordentlich gespeist. So hatte ich die richtige Grundlage für den Lauf.

Heute, am Samstag (Tag 1648) schneite es. Ich lief die Waldseerunde mit Ausblick und Schlenker (16 km). Der Schnee lag als dünner Hauch am Boden. Es wehte ein eiskalter Wind. Zeitweise schneite es während des Laufes. Es waren nur wenige Menschen im Wald unterwegs. Der Winter ist da.

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Täglich Laufen – 4 Jahr und 6 Monate

Seit 6.6.2013 lief ich jeden Tag mindestens eine Meile. Insgesamt lief ich seither 11.792 Kilometer. Das sind im Schnitt gut sieben Kilometer am Tag. Im Wettkampf stehe ich mit mir selbst und wundersamen, sichtbaren und unsichtbaren Wesen, die sich seltsamerweise mit meiner Lauferei beschäftigen. Da gibt es das kleine, bucklige Weiblein, das in einer meiner Gehirnwindungen wohnt. Das Weiblein ist ein wenig wehleidig. Es stöhnt: „Zu kalt, zu warm, zu weit, zu anstrengend, ist doch nur Zeitverschwendung“. Neuerdings steht eine gute Fee an meiner Seite. Sie sitzt in meiner GPS-Uhr. Die Fee bewertet meine Läufe sehr freundlich und wenn ich genau hinhöre, höre ich „Weiter so!“. Dann gibt es da meinen Nachbarn, einen netten korpulenten Herrn. In seinem Hirn wohnt ein kleines, besorgtes, buckliges Männlein. Aus Sorge um mich läßt ihn das bucklige Männlein immer, wenn er mich sieht, folgende Warnung aussprechen: „Die Knie gehen doch vom Laufen kaputt!“. Tja, bis jetzt wissen das meine Knie ja Gott sei Dank nicht. Toi, toi, toi auf Holz geklopft! Und dann gibt es da all die anderen Menschen, die mitdenken. Die kleine, dem Alkohol verbundene Dame, die in meiner Straße wohnt. Sie hat meine Situation messerscharf durchdacht. Sie findet ich müsse mich unbedingt um einen Schwerbehindertenausweis kümmern. Ich denke da nur: „Hä?“ Da ist noch der achtzigjährige Herr mit dem Herzschrittmacher. Bevor er den Schrittmacher bekam musste er um Atem ringen und kämpfen. Der ist voller Bewunderung. Dann gibt es den neunzigjährigen ehemaligen Damen-Handballtrainer. Der fragt immer, wenn er mich trifft, ob ich heute schon gelaufen sei. Seit vier Jahren und sechs Monaten sage ich „Ja“.

Ja, und es hat sich gelohnt! Mit Worten läßt sich das, was täglich Laufen bedeutet nur unzureichend beschreiben. Worte sind da hilflos und leer. Worte wissen nicht, welcher Zauber dem stillen Winterwald innewohnt. Sie haben noch nie gefühlt, wie der kalte Wind den erhitzten Körper kühlt. Sie wissen Nichts von dem Glück, das ein bewegter Körper vermittelt. Worte können nicht wiedergeben, wie das Laufen auf seine Weise den Sinn des Lebens vermittelt. Leben, Laufen, Sein, Dasein, glücklich sein … Tap, tap, tap … der Wald ruft!

Schmeicheleien

Tag 1641. November ist gerade Geschichte geworden. Die Laufstatistik ist hier. Am nächsten Dienstag werde ich 4 Jahre und 6 Monate gelaufen sein. Am Dienstag werde ich einen kleinen Jubiläumsbericht einschieben. Für heute gilt: „Das Laufen läuft!“

Am letzten Sonntag (Tag 1635) lief ich nur kurz.

Am Montag (Tag 1636) lief ich die Waldseerunde (15 km). Es war kalt, aber die Sonne schien. Mein Fitness-Alter sank lauf meiner GPS-Uhr auf 36 Jahre. Ich fühlte mich von der Uhr ausgesprochen geschmeichelt. Während des Laufes strenge ich mich ehrlich gestanden an, um die notwendige Anzahl von fünfhundert Punkten zu erreichen. Die instant gratification, die sofortige Belohnung, für die Anstrengung treibt mich an. Es wird im Laufe der Zeit immer schwerer werden, eine Verbesserung zu erreichen. Noch habe ich ein bisschen Luft – im wahrsten Sinne des Wortes – nach oben. Mal sehen, ob ich deprimiert sein werde, wenn ich irgendwann trotz aller Anstrengung keine Verbesserung mehr hinbekomme.

Am Dienstag (Tag 1637) lief ich die Parkseerunde (7 km). Es war kalt. Ich trabte langsam vor mich hin.

Am Mittwoch (Tag 1638) lief ich nur kurz.

Am Donnerstag (Tag 1639) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Die Sonne schien, aber es war sehr kalt. Anfangs fiel mir das Laufen sehr schwer. Allmählich wurde es dann aber doch wieder etwas leichter. Die GPS-Uhr hat mir – vielleicht weil der Lauf so anstrengend war – wieder ein Jahr geschenkt. Mein Fitness-Alter liegt jetzt bei 35 Jahren. Im Wald war es sehr leise. Nur ein paar professionelle Hundeausführer und sehr wenige Spaziergänger wagten sich in die Kälte. Mir hat es gut getan.

Am Freitag (Tag 1640) hatte ich gleich morgens geturnt. Danach lief ich die Parkseerunde (7 km). Es war um die 0°C. Mein Körper wurde durch das Laufen angenehm warm. Vom See stiegen zwei Schwäne auf. Sie flogen kurze Zeit direkt neben mir und ich hörte das seltsame Geräusch, das Schwäne beim Fliegen machen. Dann entfernten sie sich, flogen noch eine große Schleife und entschwanden meinen Blicken. Die GPS-Uhr bewertete erstmals die sieben Kilometer um den Parksee mit über fünfhundert Punkten. Bemerkenswert an diesem Lauf war nur die niedrige Herzfrequenz. Vielleicht wurde das als Fortschritt belohnt. Ich habe keine Ahnung. Die Schmeichelei durch die Uhr ist zwar etwas verrückt, aber ich liebe es!

Heute, am Samstag (Tag 1641) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Es war kalt. Die Sonne schien nur kurz. Es war anstrengend. Das Laub lag nun ganz am Boden, war aber noch schön bunt. Die Moose leuchteten intensiv grün. Ansonsten war es eher still im kalten Wald.

Eine eher ruhige Woche

Tag 1634. Diese Woche war eher ruhig. Wie ein junger Hund, der beim Spielen plötzlich in Tiefschlaf verfällt und nicht mal mehr den Kopf weich ablegen kann, so daß man hört, wie der Kopf auf dem Boden knallt, so fühlte ich mich. Ich hätte das kleine Spätzchen sein können, das im Sommer kurz in unser Wohnzimmer geflogen kam, unter den Tisch kroch und dort ein zehnminütiges Schläfchen hielt, während seine kleinen Kollegen draußen noch eifrig Wasserschlückchen und Hirsekörnchen genossen. Die ganz normale Müdigkeit hat mich überwältigt und ich habe die ruhigeren Tage genossen.

Am letzten Sonntag (Tag 1628) und am Montag (Tag 1629) turnte ich und lief nur kurz.

Am Dienstag (Tag 1630) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick und einem kleinen Schlenker (16 km). Es war ein kalter Tag. Es nieselte und die Welt sah grau aus. Es waren nur wenige Leute unterwegs. Eichhörnchen und so mancher Vogel staunten verwundert, als nun doch ein Mensch an ihnen vorbeiging. Ein männlicher Kleiber schaute mich von einem Ast herab an und sang aufgeregt eine kleine Melodie, die wie die Vertonung einer Reihe von Fragezeichen und Ausrufezeichen klang. Ein junges Eichhörnchen sprang wie von einer Feder angetrieben auf einen Baumstamm und schaute zu, wie ich vorbei lief. Eine Krähe wartete mit mir zusammen an der Ampel. Als es grün wurde, gingen wir zusammen über die Straße. Die Krähe schaute mich dabei ein paar mal an, als wollte sie sich mit mir unterhalten. Ich wünschte ihr einen schönen Tag und lief weiter.

Am Mittwoch (Tag 1631) lief ich nur kurz.

Am Donnerstag (Tag 1632) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Die Sonne schien und es war nicht sehr kalt (6 °C ohne Wind). Die Atmung ging recht gut. Als ich auf dem Hinweg war, wurde ein kleines Feld, auf dem immer noch Mais stand, abgeerntet. Als ich auf dem Rückweg war, standen die zwei Raben, die ich schon kenne, auf dem Feld und verspeisten die Reste. Ansonsten drang beim Laufen kaum etwas in mein Bewusstsein. Ich lief wie in einem Tunnel. Die Gedanken schweiften. Nur ab und zu tauchte ich aus der Welt meiner Gedanken auf. Der Wald war ziemlich leer. Das helle Licht der Sonne stimmte mich froh.

Am Freitag (Tag 1633) lief ich nur kurz. Ich war müde. Ich muss mehr essen, sonst kann ich mein Körpergewicht nicht halten.

Heute, am Samstag (Tag 1634) turnte ich und lief nur kurz.

Eine ganz normale Woche

Tag 1627. Ich lief und turnte an den Rändern unaufgeregter Tage. Die Atmung spielte freundlich mit. Der Zeitenstrom floss dahin, ohne im Gedächtnis bleibende Spuren zu hinterlassen. Wohlige Gelassenheit erfreute mein Dasein. Keine Scheidewege forderte zur Unruhe auf. Der Strom der Zeit trieb mich liebenswürdig langsam voran. Eine beschauliche Herbstwoche. Wie ein Lachs, der in seine alte Heimat schwimmen will, musste ich kleine Staustufen in Form meines Krafttrainings überwinden. Die Muskeln muckten hin und wieder wie gluckernde Wasserstrudel an Hindernissen auf, bevor sich das Wasser wieder glättete und geruhsam dahinfloss. Alles in allem war meine Woche eine ganz normale Woche.

Am letzten Sonntag (Tag 1621) turnte ich und lief nur kurz.

Am Montag (Tag 1622) begab ich mich mit heftigem Muskelkater auf die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Der Himmel war strahlend grau. Dementsprechend gut kamen die Herbstfarben des Waldes zur Geltung. Mein Fitness-Alter sank auf 43 Jahre.

Am Dienstag (Tag 1623) lief ich die Parkseerunde (7 km) mit etwas weniger Muskelkater. Die Luft war sehr kalt und feucht. Zwei Krähen jagten über dem Park einen Falken. Mein Fitness-Alter sank auf 42 Jahre.

Am Mittwoch (Tag 1624) lief ich die Waldseerunde (15 km). Der Muskelkater war über Nacht verschwunden. Die Luft war wieder sehr kalt und feucht. Im Nieselregen war der herbstlich bunte Wald friedlich. Auf dem Hinweg rannte ein Mäuschen über den Parkweg. Auf dem Rückweg rannte ein Eichhörnchen über den Weg und krallte sich an einem Baum fest. An dem Baumstamm war ein zweites Eichhörnchen. Beide bewegten sich geschickt in ihrer zackigen Art am Baumstamm und jagten einander. Dabei gaben sie fröhliche oder feindliche Pfiffe von sich. Leider verstehe ich die Eichhörnchensprache nicht.

Am Donnerstag (Tag 1625) lief ich die Parkseerunde (7 km), nachdem ich die Hälfte meiner Übungen schon am Morgen geturnt hatte. Zum ganzen Turnen hatte ich mich irgendwie nicht erwärmen können. Zum Laufen hatte ich gar keine Lust. Ich konnte mich nicht so recht aufraffen. Dann ging es plötzlich doch sehr gut und machte Spaß. Die bunten Herbstblätter kamen in ihrer Schönheit voll zur Geltung. Die Sonne blinzelte einmal kurz durch den Nieselregen, als wollte sie sagen: „Mich gibt es noch!“.

Am Freitag (Tag 1626) ging ich auf die Waldseerunde (14 km). Die Sonne strahlte vom blauen Himmel herab. Der Wald war immer noch bunt. Ich war etwas matt. Ich kam an einem jungen Mann vorbei, der Kniebeugen machte und sich auch noch einen dicken Stamm auf die Schultern gelegt hatte. Ich fragte ihn, wie viele Kniebeugen heute dran seien. Er sagte: „Fünfhundert!“. Ob das möglich ist oder hat der mich veralbert? Dann kam ich zur Treppe, die hinunter ins Tal führt. Dort ging ein Mann, um die vierzig Jahre alt, hinunter. Kaum war er unten angekommen, ging er gleich wieder hinauf. Ich fragte ihn, wie oft er hinauf gehe. Er sagte: „Zwanzig mal!“. Plötzlich dachte ich, vielleicht bin ich einfach nur faul. Ich müsste vielleicht doch mehr Krafttraining machen. Meine Uhr hat seit Dienstag mein Fitness-Alter nicht mehr verbessert, sie verspricht aber, daß mir noch eine Verbesserung bevorsteht.

Heute, am Samstag (Tag 1627) turnte ich gleich am Morgen. Es war anstrengend. Später lief ich die Parkseerunde (7 km). Es wurde schon dunkel. Leichter Sprühregen erfrischte anfangs. Dann setzten kräftige Böen ein und ein kalter Wind peitschte Regen in mein Gesicht – Wasserkühlung sozusagen. Mein Fitness-Alter sank auf 40 Jahre, was mich an dem Algorithmus etwas zweifeln lässt. Aber froh macht es mich doch auch irgendwie.

Morgens lief ich, abends las ich

Tag 1620. Manche Bücher sind wie ein Sog. Sie sind wie ein Wasserstrudel, dem man sich ergeben muss. Würde man dagegen ankämpfen, würde man darin umkommen. Man muss sich treiben lassen. Dann wird man von allein zum Ausgang gespült. Ich habe noch zwanzig Seiten bis zum Ausgang. Obwohl es in einem Wasserstrudel nicht nur schön ist, so schmerzt das Auftauchen sehr. Ich schob heute die Lauf- und Turnroutine am Morgen ein. Ich turnte und lief sofort als erstes nach dem Aufstehen. So verhinderte ich ein allzu abruptes Auftauchen. Die letzten zwanzig Seiten hob ich mir auf, um den unvermeidlichen Schmerz des endgültigen Übergangs vom tosenden Wirbeln des Wassers auf trockenes Land etwas hinauszuzögern.

Am letzten Sonntag (Tag 1614) lief ich die Parkseerunde (7 km). Die Atmung ging gut. Die Sonne beleuchtete die bunten Blätter der Bäume. Unvergleichlich farbenfroh leuchteten die Buchen. Von gelb über braun bis leuchtend Rot erstrahlten die Farben. Die Ersatz-GPS-Uhr belohnte den Lauf. Ich erreichte das Fitness-Alter von 48 Jahren. Wieder ein Jährchen gewonnen!

Am Montag (Tag 1615) lief ich nur kurz.

Am Dienstag (Tag 1616) lockten helle Sonne, blauer Himmel und kühle Luft (6 °C) auf die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Der Herbstwald strahlte in allen Farben. Ein junger Mäusebussard umflatterte mich auf dem Weg zum Wald. Dann ließ er sich in Augenhöhe auf einem Ast nieder und schaute mich mit aufgestelltem Gefieder an. Er hatte kräftige Brustmuskeln. Die Beine waren stämmig, die Krallen, mit denen er sich auf dem Ast festhielt, furchterregend. Ein prächtiger Kerl! Ich konnte gut atmen. Meine Uhr freute sich mit mir und gönnte mir ein Fitness-Alter von nunmehr 47 Jahren. Abends turnte ich. Der Hexenschuss aus der Vorwoche war kaum mehr zu fühlen.

Am Mittwoch (Tag 1617) lief ich nur kurz. Ich hatte mich in Tokio verirrt. Bei einem Stau auf der Autobahn stieg ich eine Treppe hinunter und landete in einem Tokio mit zwei Monden. Alles war verdreht und surreal. Ich war in der Welt von 1Q84 des japanischen Schriftstellers und Täglichläufers Haruki Murakami angekommen. Ich konnte das Buch nicht weglegen. Der Sog der Erzählung war ungeheuer.

Am Donnerstag (Tag 1618) nach durchlesener Nacht lief ich die Waldseerunde mit Aussicht (15 km). Das seltsame Mädchen mit dem warmen weichen Busen, wie gerade frisch aus der Backstube, ging mir nicht aus dem Kopf. Der warme Duft von frischen Brötchen verließ mich während des ganzen Laufes nicht. Meine GPS-Uhr schenkte mir wieder ein Jahr. Jetzt ist mein Fitness-Alter also 46 Jahre.

Am Freitag (Tag 1619) war ich irgendwie kaputt. Wahrscheinlich hatte ich nachts zu lange gelesen. Ich musste mich zur Parkseerunde (7 km) aufraffen. Am Ende der Runde kam eiskalter Regen vom Himmel. Da mein Körper aber schon richtig warm war, tat das gut. Meine GPS-Uhr meldete, nun sei mein Fitness-Alter 45 Jahre. Abends las ich weiter. Haruki Murakami war inzwischen zu einem Zauberspruch geworden, der mir Zugang zu einer anderen Welt gewährte. Turnen habe ich wieder zu Gunsten der nächtliche Lektüre verschoben. Schlimm schön!

Heute, am Samstag (Tag 1620) war ich völlig übermüdet. Ich turnte sofort am Morgen. Danach schlich ich schläfrig die Parkseerunde entlang (7 km). Zwei Wochen lang war ich im Bann der Lektüre gewesen. Erst las ich die Pilgerreise des farblosen Herrn Tazaki. Dann 1Q84. Nächtelang. Morgens lief ich, abends las ich. Turnen fiel aus. Heute nahm ich meine Lauf- und Turn-Routine wieder auf. Die letzten zwanzig Seiten der Lektüre stehen noch aus. Ich freue mich darauf!

Herbsttage

Tag 1613. Es war eine laufreiche Woche. Der bunte Herbst, die kühle Luft und das regnerische Wetter erfrischten Leib und Seele. Die Wälder hatten noch herrliche Kleider an. Wegen des Regens blieben die Besucher aus. So konnte ich laufend die Abgeschiedenheit und Ruhe des Waldes erleben. Im meditativen Traben flog die Landschaft an mir vorbei. Nur hin und wieder hörte ich einen Vogel rufen. Ansonsten war ich allein im Wald. Der warme Körper lief von allein. Der Alltagsstress fiel von mir ab. Ich vergaß alles. Das Hirn wurde leer. Ich war Laufen – keine Gedanken. Die größte Herausforderung war, nicht in tiefe, kalte Matschlöcher zu treten.

Am letzten Sonntag (Tag 1607) bin ich nach dem Sturm kurz gelaufen.

Am Montag (Tag 1608) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Es war sonnig. Der Wind war sehr kalt. Die Herbstkleider der Bäume leuchteten in der Sonne. Ich hatte Kraft. Die Atmung ging gut. Zum Schluss regnete es eiskalt aus blauem Himmel. Der Wind trieb die Regentropfen fast waagerecht vor sich her.

Am Dienstag (Tag 1609) schoss mir die Hexe beim Staubsaugen in den Rücken. Ich saugte in einer schwer erreichbaren Ecke unter dem Teppich. Schön blöd! Aber was macht man nicht alles als Besitzern eines nagelneuen Staubsaugers, der sehr leise ist und doch wunderbar saugt. Abends konnte ich trotzdem die Parkseerunde ganz vorsichtig durchjoggen (7 km). Die Finsternis umhüllte mich und Karnickelchen umhoppelten mich. Hin und wieder huschte ein Halloween-Gespenst an mir vorbei.

Am Mittwoch (Tag 1610) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Ich hatte nur noch leichte Schmerzen im Rücken. Ich trabte etwas vorsichtig vor mich hin. Der Himmel hatte ein strahlend graues Kleid angelegt. Davor kamen die Bäume in ihren bunten Kleidern wunderbar zur Geltung. Ein leiser, friedlicher Nieselregen verlieh dem erstaunlich dichten Blätterdach Glanz. Die rotbraunen Kieferstämme leuchteten satt und vollgesogen vor Feuchtigkeit. Dazwischen erstrahlten die hellblauen Federn von Eichelhähern, die sich von Baum zu Baum gleiten ließen. Die Blätterpracht am Boden ging schon in Matsch über.

Am Donnerstag (Tag 1611) lief ich die Parkseerunde (7 km). Wieder lief ich vorsichtig, denn der Hexenschuss schmerzte noch. Turnen kann ich deshalb leider nicht. Zum Trost hat mir meine Ersatz-GPS-Uhr heute gemeldet, daß mein Fitness-Alter bei 49 Jahren liegt. Na, wenn das kein Grund zum Jubeln ist! Kraft eines Software-Updates verspricht mir diese Uhr, sie könne mir mein Fitness-Alter weissagen. Die Uhr weiß, daß ich 59 Jahre alt bin. Sie misst den Puls, die Geschwindigkeit und Entfernung bei den Läufen. Ansonsten liegt sie in der Schublade. Von der Krankheit, vom Krafttraining und von meinem Alltag weiß sie nichts. Die Uhr darf seit zwei Wochen zu allen Läufen mit. In den zwei Wochen habe ich mich um zehn Jahre verjüngt. Und die Uhr verspricht, daß ich mein Fitness-Alter noch weiter senken werde, wenn ich so weiter mache. Und obwohl das ja eher komisch ist, bin ich irgendwie scharf drauf, der Uhr noch ein paar Jährchen abzuringen!

Am Freitag (Tag 1612) lief ich nur kurz. Der Hexenschuss war nur noch wie ein starker Muskelkater zu fühlen.

Heute, am Samstag (Tag 1613) lockte mich der sonnige Herbsttag auf die Waldseerunde mit Aussicht (15 km). Ich konnte gut atmen und gut laufen. Ein herrlicher Herbsttag!