Das Eichhörnchen

Tag 1480. Es war die Woche des Eichhörnchens. Wir hatten mehrfach Besuch von einem Eichhörnchen. Das besondere dabei ist, daß wir im dritten Stock in der Großstadt wohnen.

Am letzten Sonntag (Tag 1474) turnte ich am Morgen. Später saßen wir beim Mittagessen. Da hörte ich ein Geräusch, als würde eine Katze vom Sofa auf den Boden springen. Wir haben keine Katze. Aber uns besucht seit kurzer Zeit gelegentlich ein Eichhörnchen auf dem Balkon im dritten Stock. Mir war sofort klar, daß das Eichhörnchen in der Wohnung ist. Ich sagte: „Das Eichhörnchen ist da!“ Mein Mann dachte noch, wie er mir später gestand: „Jetzt ist sie voll durchgeknallt!“ Aber es war wahr. Das Eichhörnchen lief locker und entspannt durch unsere Räume. Auch als wir es entdeckt hatten, blieb es entspannt. Da das Eichhörnchen gar nicht daran zu denken schien, uns wieder zu verlassen, zog ich in allen Räumen die Vorhänge zu und schloss alle Türen, so daß alles im Halbdunkel lag. Nur durch die Balkontüre fiel helles Licht. Ganz langsam und sich weiterhin neugierig umschauend hüpfte das kleine Tierchen zum Balkon. Von dort sprang es in die Kastanie, die auf der Straße steht. Später lief ich nur kurz.

Am Montag (Tag 1475) war ich auf der Parkseerunde. Es ging nur langsam vorwärts. Aber am Ende konnte ich wieder gut atmen. Es lohnt sich eben doch, weiter zu machen, auch wenn es am Anfang schwer ist. An diesem Morgen hatte ich das Gefühl, daß sehr viele Frauen in meinem Alter joggen. War das immer schon so oder hat sich da etwas geändert?

Am Dienstag (Tag 1476) wiederholte ich die Parkseerunde (7 km). Diesmal war es brutal heiß und machte überhaupt keinen Spaß. Aber am Ende war die Atmung doch wieder gut. Ganz früh am Morgen öffnete mein Mann seine Augen und wer stand vor dem Bett? Es ist kaum zu glauben aber wahr: das Eichhörnchen!

Am Mittwoch (Tag 1477) lief ich wieder die Parkseerunde (7 km). Es war warm, aber ein leichtes Lüftchen sorgte für frische Luft. Ich konnte von Anfang an gut atmen. Das Laufen fühlte sich gut an. Das Eichhörnchen begnügte sich an diesem Tag mit der Apfelschnitte, die ich im Blumenkasten auf dem Balkon bereit gelegt hatte.

Am Donnerstag (Tag 1478) war ich ganz früh am Morgen zum Schwimmen am Badesee (19 km). Draußen waren es nur 13 °C. Im Wasser waren es warme 22 °C. Auf dem Heimweg wurde es schnell wärmer. Die Atmung ging gut. Ich habe einen Fuchs gesehen, der hat aber sofort die Flucht ergriffen, als er mich sah.

Am Freitag (Tag 1479) habe ich morgens nur die Hälfte geturnt. Nach dem Abendessen lief ich die Parkseerunde (7 km). Es ist keine gute Idee nach dem Essen zu laufen. Die Atmung nimmt das sehr übel. Der Park war voller fröhlicher Leute, die den Sommertag nach der unruhigen Gewitternacht genossen. Das Eichhörnchen blieb an diesem Tag aus. Wir machten uns Sorgen. Die Nacht war extrem stürmisch gewesen. Hoffentlich ist nichts passiert?

Heute, am Samstag (Tag 1480) lief ich die Parkseerunde. Abends will ich noch die zweite Hälfte turnen. Mittags war das Eichhörnchen auf dem schwarzen Flachdach des Häuschens im Garten. Wir können vom dritten Stock aus dem Küchenfenster das Dach gut sehen. Das Eichhörnchen war diesmal nicht allein. Die beiden umarmten sich und wälzten sich auf dem Dach herum wie Ringer. Es war kein Revierkampf. Denn das große Hörnchen rannte immer wieder ein paar Meter weg. Das kleine rannte hinterher. Die beiden spielten wie junge Hunde. Oh, war das süß!

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Lunge, Seele, Muskeln

Tag 1473. Bald ist Sommeranfang! Jetzt ist es morgens schon sehr früh hell. Morgens laufe ich in der Stille der Stadt. Niemand begegnet mir. Auch im Wald sind in der Frühe keine Menschen unterwegs. Im See schwimme ich nur mit den Enten. Die Seele kann sich entspannen. Der Schlaf hängt noch ein bisschen in den Gliedern. Das Laufen ist entspannt. Der Atem stockt nur, wenn sich mir ein Wildschwein in den Weg stellt. Die Lunge, die Seele und die Muskeln arbeiten friedlich zusammen. Das morgendliche Vogelkonzert mischt sich mit dem Säuseln der Blätter im Wind. Noch ist es kühl. Der Morgen ist unschuldig. Es ist, als wäre ein so schöner Morgen für die Ewigkeit gemacht.

Am letzten Sonntag (Tag 1467) lief ich kurz zum Park. Das Krafttraining vom Vortag steckte mir noch in den Muskeln. Es war ein heißer Sommertag.

Am Montag (Tag 1468) stand ich früh auf und lief zum Badesee (19 km). Es war ein verregneter Sommermorgen. Als ich im Wald eintraf, war es noch recht dunkel. Rechts und links meines Weges knackte es unheimlich. Das Wildschwein, das ich den „Schülerlotsen“ nenne, stand heute auf dem Hang oberhalb des Weges zum See. Es schaute mich aufmerksam an und ließ mich passieren. Im See war es sehr angenehm. Ich schwamm zehn Minuten in eine Richtung und wieder zurück. Noch ist es zu kalt, um länger zu schwimmen. Auf dem Heimweg kam die Sonne kurz zum Vorschein.

Am Dienstag (Tag 1469) lief ich nur kurz und turnte nicht.

Am Mittwoch (Tag 1470) turnte ich gleich nach dem Frühstück. Später lief ich noch kurz.

Am Donnerstag (Tag 1471) lief ich die Parkseerunde (7 km). Es war ein warmer Sommertag. Die Atmung ging gut. Die Stimmung wurde mit jedem Schritt froher.

Am Freitag (Tag 1472) turnte ich am Morgen. Am Nachmittag lief ich nur kurz. Eigentlich wollte ich die Parkseerunde laufen. Aber gleich am Anfang fing es an in Strömen zu regnen. Da bin ich weich geworden und nach Hause abgedreht.

Heute, am Samstag (Tag 1473) lief ich früh zum Badesee. Am Feld mit den Heidschnucken sah ich im Gebüsch einen sehr gelben Vogel. Sowohl die Stimme, mit der er sang, als auch der Vogel selbst war mir unbekannt. Eine Recherche im Internet lässt mich vermuten, daß es sich um einen Pirol (http://www.deutsche-vogelstimmen.de/pirol/) handelt. Als ich am See ankam, wellte ein Wind die Oberfläche. Schwarze Wolken zogen drohend auf. Ich schwamm ein kleines Stückchen. Das reichte, um mir Lust auf das nächste Mal zu machen. Auf dem Rückweg sah ich einen Bussard, der sich von einem Baumwipfel erhob und davon flog. Die Stadt war noch still, als ich nach Hause kam. Unterwegs war mir kaum ein Mensch begegnet. Magisch mystische Ruhe lag über allen Dingen.

Der Schülerlotse

Tag 1466. Die Kühle des Morgen ist derweil meine beste Freundin geworden. Die Luft ist noch sauber. Über der Stadt liegt Stille. Die Autos schlafen in ihren Parkbuchten. Die Menschen liegen in ihren Betten. Zu dieser Zeit begegnen mir viele wilde Tiere. Die Füchslein schauen neugierig und etwas ängstlich. Der Bussard macht sich davon, wenn er mich sieht. Mit den Wildschweinen kann ich mich ganz gut verständigen. Sie schicken ein dickes Riesentier auf meinen Weg. Dieses grunzt mir ein „Halt an und warte!“ zu. Sobald die Familie den Weg überquert hat, verschwindet das Riesenschwein behände und fast lautlos im Wald. Das Riesenschwein nenne ich den ‚Schülerlotsen‘. Erst wenn es den Weg frei gibt, kann ich weiter laufen.

Am Sonntag ( Tag 1453), acht Tage vor dem Jubiläumstag, lief ich die Parkseerunde (7 km). Es war brutal heiß. Die Wege waren teilweise weiß zugeschneit von Wattefetzen, an denen ein kleiner Samen hängt. Selbst im Schatten der Bäume war es heiß. Auf dem Rückweg war an der Adidas-turnbar etwas Platz. Zwei Männer machten ihre Übungen. Sie sahen aus wie Schreibtischarbeiter. So wagte ich Kraftübungen für Arme und Rumpf. Nach meiner ersten Übung atmeten die beiden erleichtert auf und turnten weiter.

Am Montag (Tag 1454) war ich früh am Badesee (18 km). Da für den Tag über 30°C Hitze angesagt war, tauchten bald vereinzelt Leute auf. Hin und wider trabte auch schon ein Jogger am See entlang. Ich schwamm zehn Minuten in die eine Richtung und zehn Minuten zurück. Es war kalt, aber die Windschutz-Jacke reichte völlig, um mich nach dem Baden warm zu halten. Auf dem Heimweg traf ich einen Graureiher. Er stand fünf Meter vor mir und schaute mich freundlich an. Ich machte einen großen Bogen und er schaut zu. Ich rief ihm ein fröhliches „Guten Morgen!“ zu und lief nach Hause.

Am Dienstag (Tag 1455) beschränkte ich mich auf einen kurzen Lauf.

Am Mittwoch (Tag 1456) lief ich nach dem Turnen zum Ententeich. Erst am Ende der Strecke hatte ich mich eingelaufen. Die Strecke war also letztlich zu kurz. Ich bin aber noch vorsichtig, weil ich nicht einschätzen kann, wie ich Laufen + Schwimmen + Turnen zusammen verkrafte.

Am Donnerstag (Tag 1457) lief ich die Parkseerunde (7 km). Die Atmung ging sehr gut. Der Schwan lag auf seiner Insel in der Sonne. Ein Graureiher stolzierte im flachen Wasser um die Schwaneninsel herum.

Am Freitag (Tag 1458) erschlich ich die Parkseerunde (7 km). Die Atmung wollte gar nicht. AmTurnpark von Adidas war niemand. So konnte ich auf halber Strecke eine Turnpause einlegen. Später kamen zwei junge Frauen hinzu. Die waren ungefähr auf meinem Kraftniveau. Das hat Spaß gemacht.

Am Samstag (Tag 1459) war ich schwimmen (19 km). Ich traf kurz nach Sonnenaufgang im Wald ein. Kaum hatte ich das enge Tal betreten, da hörte ich schon das bekannte Grunzen und es knackte laut im Unterholz. Ich konnte das Wildschwein nicht sehen, nur hören. Aber ich legte keinen Wert auf näheren Kontakt, so kehrte ich um und nahm den Höhenweg. Auf dem Weg zum See hinunter lief mir ein anderes Wildschwein mit mehreren Jungen entgegen. Der Weg war breit genug, so daß das Wildschwein mit den Kindern in einer Entfernung von zwanzig Metern an mir vorbeiziehen konnte. Die Bache schaute aufmerksam in meine Richtung und ich in ihre. Beide fühlten wird uns aber nicht bedroht und so war die Begegnung schön. Auf dem gleichen Weg kam mir wenig später ein Fuchs entgegen. Im kalten See war ich noch nicht weit geschwommen, da flog der Graureiher genau über mir. Er flog niedrig und wollte offensichtlich sehen, wer da in aller Frühe schwimmt. Ein kleiner Graureiher wartete schon an dem Sonnenfleckchen in meiner Einstiegsbucht als ich wieder aus dem Wasser kam. Mir war sehr kalt, so daß ich froh war, als der kleine den Sonnenfleck ganz freiwillig räumte.

Am Sonntag (Tag 1460) machte ich das Krafttraining zuerst. Später lief ich zum Ententeich. Der Tag war verregnet und genauso fühlte ich mich auch.

Am Montag, dem Jubiläumstag (1461) lief ich nur kurz. Damit waren die vier Jahre erfüllt.

Am Dienstag (Tag 1462) hat das fünfte Jahr begonnen. Nachdem ich das vierte Jahr so schmählich beendet hatte, begann ich das fünfte Jahr schon im Morgengrauen mit einem Lauf zum Badesee (19 km). Es hatte die ganze Nacht geregnet. Der Regen hörte unmittelbar vor meinem Aufbruch auf. So war die Luft sauber. Die Straßenlaternen spiegelten sich im blitzenden Straßenbelag. Ganz allmählich begannen die Vögel zu singen. Einer Wildschweinrotte begegnete ich auf dem Weg hinunter zum Badesee. Ich hörte ein Grunzen und sah auf. Da stand schon ein ziemlich großes und schwarzes Tier vor mir. Ich lief ein paar Meter zurück. Das Schwein blieb mitten auf dem Weg stehen und schaute in meine Richtung, schien aber zufrieden mit der Distanz. Ein paar Meter hinter dem Tier überquerte dann ein weiteres Wildschwein den Weg. Hinter ihm hoppelten lauter hellbraune kleine Fellchen über den Weg. Das Schwein, das mich so angegrunzt hatte, hatte die Funktion eines Schülerlotsen. Als die Rotte den Weg gequert hatte, verschwand es ebenfalls im Wald. Am Ufer des Badesees schlich sich ein Fuchs etwa zwei Meter hinter mir in seinen Bau. Hätte es nicht im Unterholz geknackt, hätte ich es gar nicht bemerkt. Der Fuchs hatte ein kleines Blesshühnchen im Maul. Nach dem Schwimmen kam der Fuchs noch einmal an mir vorbei. Ich schien ihn überhaupt nicht zu stören. Das Wasser war 19 °C warm. Draußen an der Luft waren es 13 °C. Über dem Wasser schwebten Nebelschwaden. Am Horizont kam die goldene Sonne hinter den Bäumen hervor. Mit mir war nur der Haubentaucher und zwei kleine Haubentaucher im Wasser. Auf dem Heimweg kam mir ein anderer Fuchs auf dem Weg entgegen. Der war scheu. Er versteckte sich im Unterholz, als er mich sah und ihm klar wurde, daß wir den selben Weg benutzten.

Am Mittwoch (Tag 1463) lief ich wieder nur kurz.

Am Donnerstag (Tag 1464) eröffnete ich den Tag mit Krafttraining. Es ist mir eine Freude zu erleben, wie der Körper sich anpasst. Während ich das schreibe, ruft meine Mann: „Komm! Schnell!“. Auf unserem Großstadtbalkon im dritten Stockwerk saß im Balkonkasten ein karottenrotes Eichhörnchen! Wir legen immer etwas für die Vögel in den Balkonkasten. Offensichtlich war das Eichhörnchen neugierig geworden. Es war zwanzig Minuten im Balkonkasten. Dann kletterte es am rauhen Putz des Hauses hinauf auf das Dach und entschwand unseren Blicken. Später lief ich die Parkseerunde (7 km).

Am Freitag (Tag 1465) lief ich zum Ententeich.

Heute, am Samstag (Tag 1466) lief ich die Parkseerunde (7 km). Die Sonne strahlte. Ein kühler Wind kräuselte den See. Wenn es nicht allzu heiß wird, werde ich gegen Abend noch turnen. Am Morgen war das Eichhörnchen wieder auf dem Balkon. Es saß eine Weilchen rechts auf dem Balkonkasten und genoss ein Nüsschen. Dann hoppelte es nach rechts auf den nächsten Blumenkasten und dort hoppelte es weiter und verschwand im Nichts. Es konnte nur vom Balkon in die Tiefe gestürzt sein! Ich war schockiert. Das Eichhörnchen war vom dritten Stock gestürzt! Oh Gott, oh Gott! Panik stieg in mir auf. Dann sah ich es auf der Kastanie, deren Ast zwei bis drei Meter entfernt und einen Stock tiefer in Richtung Balkon reicht. Es ging unbeschadet seiner Wege. Mir fiel ein Stein vom Herzen!

4 Jahre täglich gelaufen

Seit 6.6.2013 bin ich jeden Tag gelaufen. Es war ein abenteuerlicher Teil meines Lebens. Ich habe die Magie des frühen Morgens entdeckt. Ich habe die Welt der wilden Tiere berührt. Die Jahreszeiten sind an mir vorübergegangen. Sturm, Regen, Schnee und Sonnenschein habe ich gefühlt. Ich hatte mal einen bleischweren Körper, dann wieder einen leichten, luftigen Körper. Kein Tag war wie der andere. Jedes Jahr hatte seine Eigenarten. Routine gab es nicht. Im Laufe der Jahre bin ich zum Läufer geworden, richtiger: zur Läuferin. Ich laufe mit der neugierigen Abenteuerlust eines Forschungsreisenden, wie sie Jack London „In den Wäldern des Nordens“ beschreibt. Es ist als wäre ich „nach einer beschwerlichen Reise bis hinter das letzte verkrüppelte Buschwerk und wuchernde Unterholz, hinter tiefen Einöden, wo der karge Norden der Erde alles zu verweigern scheint, auf weite Waldgebiete und Striche lächelnden Landes gestossen. Nur einige Forschungsreisende haben es gewußt, aber keiner von ihnen kehrte bisher zurück, um es der Welt zu verraten.“ In meinen Wäldern biegen sich Bäume im Wind, Füchse bellen und Wildschweine ziehen ihre Kinder groß. Manchmal huschen eilige Mäuschen über den Weg. Im Himmel ziehen Raubvögel ihre Kreise. Hin und wieder lässt sich ein Bussard in meiner unmittelbaren Nähe auf einem Baumstumpf nieder und schaut mich neugierig an. Und ich schaue neugierig zurück. Ich bin eine Waldläuferin in der Wildnis. Die Bäume werfen mit schaurigen Schatten, wenn „die Sonne hinter der nächsten Wellenerhebung niedergegangen ist und ihr Schein noch rot glühend über dem dunkeln, scharf von dem feurigen Himmel abstechenden Lande liegt“. Dann zeigt sich mir „im Mittelpunkt des brennenden Scheines schwarz, schattenhaft und übernatürlich groß eine menschliche Gestalt, regungslos, in sinnender, melancholischer Stellung. Wie angefesselt starre ich nicht ohne ein Gefühl abergläubischer Furcht die Erscheinung an.“ Vor mir scheint aus „Der Alte Trapper“ von James Fenimore Cooper, Nathaniel Bumppo „lautlos in sich hinein zu lachen“ und ich lache mit. Wir wissen beide, daß die Zeit noch nicht gekommen ist, zu der wir furchtlos aufstehen werden, um ein letztes, bereitwilliges „Hier!“ zu rufen. Noch geht die abenteuerliche Reise weiter. Bei Neumond laufe ich in eine Wand aus Dunkelheit. Ich verschmelze mit der unendlichen Stille der Nacht. Bei Vollmond sieht der See wie geschmolzenes Glas aus. Das helle Licht des Mondes spiegelt sich fahl und kalt im See. Hier gilt die cock-time. Das Rascheln der ersten Amseln im Laub kündigt die Morgendämmerung an. In der Dämmerung wird das Krähen des Hahnes zart von Ferne herübergeweht. Die Spechte klopfen den Sonnenaufgang herbei. Plötzlich versetzt mich das Gold der aufgehenden Sonne an den Klondike-River. Christoffer Bellew aus Jack London‘s Erzählungen Alaska-Kid und Kid&Co wird vor mir lebendig. Es war ein Mann, der seine Arbeit am Schreibtisch hatte liegen lassen und an den Klondike aufgebrochen war, um in der Wildnis Glück zu finden. Ein Mann, dem sein Schlittenhund mit den Augen etwas erzählt – Dinge, die Worte nie ausdrücken können. Alaska-Kid berichtet: „Bright hat mit seinen Augen in einer einzigen Minute mehr erzählt, als ich in tausend Jahren in allen Büchern lesen könnte. Sein Blick war voll vom Geheimnis allen Lebens! Das schlimmste ist, daß ich es beinahe ergründet hätte und es dann doch nicht tat. Ich kann es nicht erzählen, aber die Augen des Tieres strömten buchstäblich von Andeutungen über, was das Leben eigentlich ist … Entwicklung und Sternenstaub … und sie erzählten vom Saft des Weltalls und allem anderen … kurz, von allem Möglichen und Unmöglichen.“ Das, was Alaska-Kid in den Augen seines Schlittenhundes Bright sah, bedeutet für mich das tägliche Laufen in den letzten vier Jahren. Wenn ich wieder zurück an meinem Schreibtisch bin, weiß ich, daß ich „…es beinahe ergründet hätte…“. Aber die clock-time beginnt. Der Takt der Minuten, ja Sekunden führt bis morgen sein unerbittliches Regiment – aber nur bis morgen, nur bis zum nächsten Lauf! Dann werde ich wieder in die Magie des Laufens eintauchen.