Optionen

Tag 1606. Krafttraining und Laufen bringen unglaublich viel. Meine Lungenfunktion ist nicht so gut (FEV1 38 % von der Norm). Trotzdem kann ich alles und mehr tun, was ein normaler Alltag erfordert. Reicht mir das? Was will ich eigentlich? Als ich mit dem Laufen anfing, ging es mir nur darum, kein Pflegefall zu werden. Als ich das erreicht hatte, wollte ich im Sommer zum See laufen können, um dort zu schwimmen. Als ich das erreicht hatte, wollte ich Kraft zulegen, damit mir alles leichter von der Hand geht. Das habe ich erreicht. Was will ich jetzt? Will ich nur das erhalten und mich freuen? Ist es mir genug, mich gesund zu fühlen, normale Sachen tun zu können? Hakuri Murakami, ein japanischer Schriftsteller, sagt in seinem Buch Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede Leiden sei eine Option. Er meint: „Die Qual ist unvermeidlich, sie zu ertragen oder nicht, bleibt dem Läufer überlassen.“ Ich glaube, ich werde diese Option ausschlagen. Ich will nicht leiden. Ich bin bereit, mich anzustrengen, aber nicht zu leiden. Ich bewege meinen Körper und stärke ihn, ohne ihm oder mir Gewalt anzutun. So komme ich nur allmählich voran und werde niemals ein „echter“ Läufer. Das ist dann eben so. Ich will mich entspannen beim Laufen, ich will die Natur erleben und fröhlich sein. Leiden ist für mich keine Option. Oder?

Am letzten Sonntag (Tag 1600) lief ich die Waldseerunde mit Aussicht (15 km). Der Himmel war blau. Weiße Wolken segelten von dannen. Die Luft war kühl. Die Atmung war gut. Der Lauf erfrischte. Erstaunlich wenige Spaziergänger hatten an diesem Sonntag das schöne Wetter entdeckt. So war der Lauf im Wald ruhig und angenehm.

Am Montag (Tag 1601) lief ich nur kurz.

Am Dienstag (Tag 1602) lief ich die Waldseerunde mit Aussicht (15 km). Es war ein kühler, grauer Tag. Das Grau war hell. Es nieselte freundlich. Die Herbstfarben glänzten feucht. Auf den Blättern sammelte sich das Wasser zu dicken Tropfen. Die fielen dumpf krachend auf trockenes Laub. Meine Atmung ging gut. Spechte und Eichelhäher sah ich am Rande des Waldweges. Abends turnte ich.

Am Mittwoch (Tag 1603) lief ich nur kurz.

Am Donnerstag (Tag 1604) lief ich die Waldseerunde mit Aussicht (15 km). Die Sonne versuchte die Wolkendecke zu durchdringen, war aber nicht erfolgreich. Der Lauf war außergewöhnlich, denn die Atmung ging sehr gut. Abends turnte ich.

Am Freitag (Tag 1605) lief ich die Parkseerunde (7 km). Es stürmte, regnete und war kalt. Dicke, schwarze Wolken wurden über den Himmel gejagt. Die Atmung ging nicht gut. Ich kämpfte mich durch. Die Bäume wurden vom Wind gebeugt, der Regen fiel fast waagerecht. Die Menschen lächelten sich gegenseitig an und freuten sich an dem windigen Abenteuer.

Heute, am Samstag (Tag 1606) lief ich die Parkseerunde (7 km). Es war stürmisch und kalt. Dunkle Wolken türmten sich drohend auf. Es regnete aber nicht. Ich sah mehrere jugendliche Gruppen, die sie einer Art military drill unterzogen. Einer hatte eine Stoppuhr, die anderen machten einbeinige Kniebeugen, Burpees, u.s.w. Der mit der Stoppuhr forderte zum Durchhalten auf. Nachmittags werde ich noch turnen.

Advertisements

Mal Sommer, mal Herbst

Tag 1599. Die zweihundert Kilometermonatsmarke habe ich in dieser Woche überschritten. Das Laufen klappte. Das Krafttraining klappte. Der Körper fühlte sich gut an. Ich war zufrieden.

Am letzten Sonntag (Tag 1593) lief ich die Parkseerunde (7 km). Es war ein warmer Tag. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Ich lief und freute mich an jedem Schritt. Über Nacht waren die ersten Bäume in flammendes gelb getaucht. Ein Habicht flog vom gelben Baum über den See. Sonntägliche Zuschauer raunten sich ihr Glück zu. Der ganze Park war heiter und in froher Erwartung. Abends turnte ich.

Am Montag (Tag 1594) war der Sommer zurückgekehrt. Bei 26 °C lief ich die Waldseerunde (14 km). Die Sonne war heiß. Kein Wölkchen war am Himmel. Die herbstliche Farbenpracht im hellen Licht war malerisch. Am Abend hatte ich keine Kraft mehr zum Turnen.

Am Dienstag (Tag 1595) lief ich in der Sommerhitze die Parkseerunde (7 km). Es war sehr anstrengend. Kühles Wetter ist für das Laufen besser. Abends turnte ich.

Am Mittwoch (Tag 1596) war ich auf der Waldseerunde (14 km). Zunächst war es etwas nebelig und kühl. Dann kam die Sonne durch und es wurde warm. Ich konnte im kurzärmeligen T-Shirt laufen. Der Lauf war anstrengend, hat aber Spaß gemacht. Abends turnte ich.

Am Donnerstag (Tag 1597) lief ich die Parkseerunde (5 km). Die ersten zwei Kilometer liefen noch recht normal. Aber nach fünf Kilometern stellte ich die Uhr ab. Mein Körper, das geschwätzige Kerlchen, protestierte unüberhörbar laut. Nicht nur jede Muskelfaser winselte um Gnade, nein auch die Seele wollte einfach nur rumbaumeln. Na ja, ich bin ja kein Unmensch. So habe ich die Uhr bei Kilometer fünf abgestellt und bin nach Hause spaziert.

Am Freitag (Tag 1598) lief ich die Waldseerunde mit Aussicht (15 km). Es fühlte sich gut an. Die Ausdauer war zurückgekehrt. Die Sonne schien. Es waren angenehme 10 °C. Anfangs begleiteten mich drei Krähen. Sie schwirrten um meinen Kopf herum, als wollten sie mich mit ihren Flügeln berühren. Nach einer Weile kam nur noch eine Krähe weiter mit. Bald verließ auch sie mich. Später lief mir noch ein Eichhörnchen vor die Füße. Die Bäume waren noch etwas bunter. Der Herbst ist da.

Heute, am Samstag (Tag 1599) erwachte ich früh am Morgen um drei Uhr. Ich schaute aus dem Fenster im dritten Stock. Da sah ich, wie unten auf dem Gehweg ein Fuchs in aller Seelenruhe vorbeilief. Er blieb hier und da stehen, beroch etwas und schnürte dann weiter. Ich lief nur kurz. Der Monat war bis jetzt ziemlich anstrengend, aber genau das machte mir Spaß.

Gefallene Riesen

Tag 1592. Nach dem Sturm lächelte die Sonne. Ein leichter Wind ließ die Bäume freundlich Säuseln. Der Wald war weiterhin grün. Die Pilze erfüllten den Wald mit ihrem Duft. Die Schritte waren leicht. Das Zwerchfell wippte beim Atmen kraftvoll auf und ab. Die Atmung ging gut. Gute Laune erfüllte mich. Ich kam mir wie ein Reisender zu neuen Ufern vor. Es war, als ob sich die Segel im Winde blähten und mich ein Schiff mit acht Segeln davon trüge.

Am letzten Sonntag (Tag 1586) lief ich die Parkseerunde (7 km). Die Sonne schien. Ich lief mit kurzärmeligem T-Shirt. Umgestürzte Bäume säumten den Weg. Ein Baum lag noch quer über dem Weg. Ich kletterte darüber. Herabgefallene Äste hatten männermordende Größe. Ein Karnickelchen hoppelte über den Weg. Abends turnte ich.

Am Montag (Tag 1587) lief ich die Waldseerunde (14 km). Die Atmung ging gut. Die Sonne schien. Es waren 12 °C. Ein leichter Wind fächelte Kühlung herbei. Zwei Eichhörnchen sind mir begegnet. Ein Mäusebussard hat den Waldweg mit mir zusammen benutzt. Er flog ca. 40 Meter vor mir und ich lief hinterher. Abends turnte ich.

Am Dienstag (Tag 1588) lief ich die Parkseerunde (7 km). Graues, kühles Wetter verwandelte sich beim Laufen in gute Laune.

Am Mittwoch (Tag 1589) lief ich die Waldseerunde (14 km). Wieder verwandelte sich graues, kühles Wetter beim Laufen in gute Laune. Diesmal regnete es im Unterschied zum Tag zuvor auf den letzten beiden Kilometern. Der Regen erfrischte. Abends turnte ich.

Am Donnerstag (Tag 1590) lief ich die Parkseerunde (7 km). Die Sonne strahlte warm. Ein böiger Wind riß die Wärme mit sich. Die Wellen des Sees glitzerten. Die Bäume bogen sich. Es war fast wie Urlaub an der See.

Am Freitag (Tag 1591) lief ich die Waldseerunde (14 km). Ich lief bei leichtem Wind und Sonnenschein durch den Wald. Die Atmung ging ausgesprochen gut. Noch lagen überall entwurzelte Bäume herum. Immer wieder musste ich über solche gefallenen Riesen klettern. Manche lagen schon zersägt und aufgeschichtet zur Abholung für den Wohnzimmerkamin bereit. Odysseus Worte nach dem grausigen Verlust seiner Gefährten bei der Begegnung mit den Kyklopen fingen die Stimmung treffend ein:

„Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen,
Froh der bestandenen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.“

Abends turnte ich.

Heute, am Samstag (Tag 1592) lief ich die Parkseerunde (7 km). Der Himmel war grau verhangen. Es war nicht warm und nicht kalt. Mir saß die anstrengende Woche in den Muskeln. So wurde es ein Regenerationslauf. Spaß gemacht hat es aber doch!

Vom Scheiden des Sommers

Tag 1585. Noch erhoben sich die grünen Dome heilig und anbetungswürdig über den Waldwegen. Am Boden lagen nur vereinzelt die flammenden Boten des Herbstes. Das große Rascheln des Herbstlaubes stand noch bevor. Freundlicher Landregen tränkte die Welt. Hier und da kündeten leuchtend bunte Blumenkelche vom Scheiden des Sommers. Der Knöterich sandte seinen Abschiedsduft in die kühler werdende Luft. Herbststürme tobten. Bäume fielen. Äste stürzten herab. Die Sonne kämpfte sich schließlich wieder durch graue Wolkendecken und ließ die Regentropfen wie Diamanten glitzern. Liebliches Abendrot färbte die Welt rosarot.

Am letzten Sonntag (Tag 1579) lief ich am Morgen die Waldseerunde (14 km). Es nieselte. Die Sonne verbarg sich hinter einer Wolkendecke. Sonntägliche Ruhe lag wohltuend über dem Wald. Nur wenige Menschen hatten sich bei dem regnerischen Wetter in den Wald gewagt. Die ersten sieben Kilometer lief ich frohen Mutes. Danach merkte ich, daß ich die Waldseerunde in den letzten Wochen nicht häufig genug gelaufen war. Kilometer um Kilometer wurde es schwerer. Zuhause konnte ich mich aber schnell erholen. Abends turnte ich.

Am Montag (Tag 1580) lief ich die Parkseerunde (7 km). Wieder nieselte es. Es war sehr warm, so daß ich im kurzärmeligen T-Shirt laufen konnte. Anfangs bekam ich gut Luft und es fühlte sich hervorragend an. Nach zwei Kilometern wurden meine Beine müde, so daß ich kämpfen musste. Es kam ein Wind auf, der kühlte mich und so hielt ich mehr schlecht als recht durch. Abends turnte ich.

Am Dienstag (Tag 1581) begab ich mich auf die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Zunächst nieselte es. Das Grau des Himmels leuchtete hell. Nach heftigem Wind und einer kalten Dusche kam die Sonne zum Vorschein. Das Laub am Boden erfreute mit herbstlichen Farben. Wo man hinsah, sprossen Pilze. Der grüne Dom, den die Laubbäume mit ihren immer noch grünen Blättern bildeten, erzeugte Abschiedsschmerz vom Sommer. Die Atmung ging gut. Abends turnte ich. Neuerdings mache ich abends auch nach etwas längeren Läufen Krafttraining. Das ist brutal anstrengend. Aber in dieser Reihenfolge kann ich beides miteinander verbinden. Die umgekehrte Reihenfolge, erst Turnen, dann Laufen, wäre für mich unmöglich.

Am Mittwoch (Tag 1582) lief ich die Parkseerunde (7 km). Zuhause dachte ich noch, daß ich müde sei und der Lauf bestimmt beschwerlich würde. Wie man sich täuschen kann! Ich flog die Hügel hoch und hatte Spaß daran. Ein fast kalter Wind pustete die Hitze des Körpers weg. Die Atmung ging gut. Ich fühlte mich leicht und unbeschwert. Wieder zu Hause war ich frisch und munter. Die Müdigkeit war vom Wind weggeblasen worden. Abends turnte ich.

Am Donnerstag (Tag 1583) regnete es. Ein Orkan war angekündigt. Ich lief die Parkseerunde (7 km). Eine ältere Dame rief unter ihrem Regenschirm zu mir herüber: „Noch schnell vor dem Sturm?“ Ein Eichhörnchen huschte eilig über den Weg. Nur wenige abenteuerlustige Läufer waren im Park. Der Sturm kam noch nicht. Ein gemütlicher Landregen ließ weiche Tropfen auf mich hernieder fallen. Dicke Tropfen schlugen in den Pfützen Blasen. Die Schuhe wurden vom Wasser immer schwerer, die Kleidung bis auf die Haut nass. Die heiße Dusche zu Hause tat gut wie selten. Der Sturm kam erst am späten Nachmittag. Abends turnte ich.

Am Freitag (Tag 1584) lief ich nur kurz. Nach einem Tag mit heftigem Dauerregen war der Abendhimmel während meines kurzen Laufes in ein pastellzartes Rosa getaucht. Die Luft war sauber, frisch und mild.

Heute, am Samstag (Tag 1585) lief ich die Waldseerunde (15 km). Ich nutzte eine Lücke im Dauerregen. Überall lagen umgestürzte Bäume und abgerissene Äste herum. Teilweise war ich mir nicht mehr sicher, ob ich vielleicht vom Waldweg abgekommen sei. Freundlicherweise kam unterwegs die Sonne zum Vorschein und tauchte alles in goldenes Licht.