Eine eher ruhige Woche

Tag 1634. Diese Woche war eher ruhig. Wie ein junger Hund, der beim Spielen plötzlich in Tiefschlaf verfällt und nicht mal mehr den Kopf weich ablegen kann, so daß man hört, wie der Kopf auf dem Boden knallt, so fühlte ich mich. Ich hätte das kleine Spätzchen sein können, das im Sommer kurz in unser Wohnzimmer geflogen kam, unter den Tisch kroch und dort ein zehnminütiges Schläfchen hielt, während seine kleinen Kollegen draußen noch eifrig Wasserschlückchen und Hirsekörnchen genossen. Die ganz normale Müdigkeit hat mich überwältigt und ich habe die ruhigeren Tage genossen.

Am letzten Sonntag (Tag 1628) und am Montag (Tag 1629) turnte ich und lief nur kurz.

Am Dienstag (Tag 1630) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick und einem kleinen Schlenker (16 km). Es war ein kalter Tag. Es nieselte und die Welt sah grau aus. Es waren nur wenige Leute unterwegs. Eichhörnchen und so mancher Vogel staunten verwundert, als nun doch ein Mensch an ihnen vorbeiging. Ein männlicher Kleiber schaute mich von einem Ast herab an und sang aufgeregt eine kleine Melodie, die wie die Vertonung einer Reihe von Fragezeichen und Ausrufezeichen klang. Ein junges Eichhörnchen sprang wie von einer Feder angetrieben auf einen Baumstamm und schaute zu, wie ich vorbei lief. Eine Krähe wartete mit mir zusammen an der Ampel. Als es grün wurde, gingen wir zusammen über die Straße. Die Krähe schaute mich dabei ein paar mal an, als wollte sie sich mit mir unterhalten. Ich wünschte ihr einen schönen Tag und lief weiter.

Am Mittwoch (Tag 1631) lief ich nur kurz.

Am Donnerstag (Tag 1632) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Die Sonne schien und es war nicht sehr kalt (6 °C ohne Wind). Die Atmung ging recht gut. Als ich auf dem Hinweg war, wurde ein kleines Feld, auf dem immer noch Mais stand, abgeerntet. Als ich auf dem Rückweg war, standen die zwei Raben, die ich schon kenne, auf dem Feld und verspeisten die Reste. Ansonsten drang beim Laufen kaum etwas in mein Bewusstsein. Ich lief wie in einem Tunnel. Die Gedanken schweiften. Nur ab und zu tauchte ich aus der Welt meiner Gedanken auf. Der Wald war ziemlich leer. Das helle Licht der Sonne stimmte mich froh.

Am Freitag (Tag 1633) lief ich nur kurz. Ich war müde. Ich muss mehr essen, sonst kann ich mein Körpergewicht nicht halten.

Heute, am Samstag (Tag 1634) turnte ich und lief nur kurz.

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Eine ganz normale Woche

Tag 1627. Ich lief und turnte an den Rändern unaufgeregter Tage. Die Atmung spielte freundlich mit. Der Zeitenstrom floss dahin, ohne im Gedächtnis bleibende Spuren zu hinterlassen. Wohlige Gelassenheit erfreute mein Dasein. Keine Scheidewege forderte zur Unruhe auf. Der Strom der Zeit trieb mich liebenswürdig langsam voran. Eine beschauliche Herbstwoche. Wie ein Lachs, der in seine alte Heimat schwimmen will, musste ich kleine Staustufen in Form meines Krafttrainings überwinden. Die Muskeln muckten hin und wieder wie gluckernde Wasserstrudel an Hindernissen auf, bevor sich das Wasser wieder glättete und geruhsam dahinfloss. Alles in allem war meine Woche eine ganz normale Woche.

Am letzten Sonntag (Tag 1621) turnte ich und lief nur kurz.

Am Montag (Tag 1622) begab ich mich mit heftigem Muskelkater auf die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Der Himmel war strahlend grau. Dementsprechend gut kamen die Herbstfarben des Waldes zur Geltung. Mein Fitness-Alter sank auf 43 Jahre.

Am Dienstag (Tag 1623) lief ich die Parkseerunde (7 km) mit etwas weniger Muskelkater. Die Luft war sehr kalt und feucht. Zwei Krähen jagten über dem Park einen Falken. Mein Fitness-Alter sank auf 42 Jahre.

Am Mittwoch (Tag 1624) lief ich die Waldseerunde (15 km). Der Muskelkater war über Nacht verschwunden. Die Luft war wieder sehr kalt und feucht. Im Nieselregen war der herbstlich bunte Wald friedlich. Auf dem Hinweg rannte ein Mäuschen über den Parkweg. Auf dem Rückweg rannte ein Eichhörnchen über den Weg und krallte sich an einem Baum fest. An dem Baumstamm war ein zweites Eichhörnchen. Beide bewegten sich geschickt in ihrer zackigen Art am Baumstamm und jagten einander. Dabei gaben sie fröhliche oder feindliche Pfiffe von sich. Leider verstehe ich die Eichhörnchensprache nicht.

Am Donnerstag (Tag 1625) lief ich die Parkseerunde (7 km), nachdem ich die Hälfte meiner Übungen schon am Morgen geturnt hatte. Zum ganzen Turnen hatte ich mich irgendwie nicht erwärmen können. Zum Laufen hatte ich gar keine Lust. Ich konnte mich nicht so recht aufraffen. Dann ging es plötzlich doch sehr gut und machte Spaß. Die bunten Herbstblätter kamen in ihrer Schönheit voll zur Geltung. Die Sonne blinzelte einmal kurz durch den Nieselregen, als wollte sie sagen: „Mich gibt es noch!“.

Am Freitag (Tag 1626) ging ich auf die Waldseerunde (14 km). Die Sonne strahlte vom blauen Himmel herab. Der Wald war immer noch bunt. Ich war etwas matt. Ich kam an einem jungen Mann vorbei, der Kniebeugen machte und sich auch noch einen dicken Stamm auf die Schultern gelegt hatte. Ich fragte ihn, wie viele Kniebeugen heute dran seien. Er sagte: „Fünfhundert!“. Ob das möglich ist oder hat der mich veralbert? Dann kam ich zur Treppe, die hinunter ins Tal führt. Dort ging ein Mann, um die vierzig Jahre alt, hinunter. Kaum war er unten angekommen, ging er gleich wieder hinauf. Ich fragte ihn, wie oft er hinauf gehe. Er sagte: „Zwanzig mal!“. Plötzlich dachte ich, vielleicht bin ich einfach nur faul. Ich müsste vielleicht doch mehr Krafttraining machen. Meine Uhr hat seit Dienstag mein Fitness-Alter nicht mehr verbessert, sie verspricht aber, daß mir noch eine Verbesserung bevorsteht.

Heute, am Samstag (Tag 1627) turnte ich gleich am Morgen. Es war anstrengend. Später lief ich die Parkseerunde (7 km). Es wurde schon dunkel. Leichter Sprühregen erfrischte anfangs. Dann setzten kräftige Böen ein und ein kalter Wind peitschte Regen in mein Gesicht – Wasserkühlung sozusagen. Mein Fitness-Alter sank auf 40 Jahre, was mich an dem Algorithmus etwas zweifeln lässt. Aber froh macht es mich doch auch irgendwie.

Morgens lief ich, abends las ich

Tag 1620. Manche Bücher sind wie ein Sog. Sie sind wie ein Wasserstrudel, dem man sich ergeben muss. Würde man dagegen ankämpfen, würde man darin umkommen. Man muss sich treiben lassen. Dann wird man von allein zum Ausgang gespült. Ich habe noch zwanzig Seiten bis zum Ausgang. Obwohl es in einem Wasserstrudel nicht nur schön ist, so schmerzt das Auftauchen sehr. Ich schob heute die Lauf- und Turnroutine am Morgen ein. Ich turnte und lief sofort als erstes nach dem Aufstehen. So verhinderte ich ein allzu abruptes Auftauchen. Die letzten zwanzig Seiten hob ich mir auf, um den unvermeidlichen Schmerz des endgültigen Übergangs vom tosenden Wirbeln des Wassers auf trockenes Land etwas hinauszuzögern.

Am letzten Sonntag (Tag 1614) lief ich die Parkseerunde (7 km). Die Atmung ging gut. Die Sonne beleuchtete die bunten Blätter der Bäume. Unvergleichlich farbenfroh leuchteten die Buchen. Von gelb über braun bis leuchtend Rot erstrahlten die Farben. Die Ersatz-GPS-Uhr belohnte den Lauf. Ich erreichte das Fitness-Alter von 48 Jahren. Wieder ein Jährchen gewonnen!

Am Montag (Tag 1615) lief ich nur kurz.

Am Dienstag (Tag 1616) lockten helle Sonne, blauer Himmel und kühle Luft (6 °C) auf die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Der Herbstwald strahlte in allen Farben. Ein junger Mäusebussard umflatterte mich auf dem Weg zum Wald. Dann ließ er sich in Augenhöhe auf einem Ast nieder und schaute mich mit aufgestelltem Gefieder an. Er hatte kräftige Brustmuskeln. Die Beine waren stämmig, die Krallen, mit denen er sich auf dem Ast festhielt, furchterregend. Ein prächtiger Kerl! Ich konnte gut atmen. Meine Uhr freute sich mit mir und gönnte mir ein Fitness-Alter von nunmehr 47 Jahren. Abends turnte ich. Der Hexenschuss aus der Vorwoche war kaum mehr zu fühlen.

Am Mittwoch (Tag 1617) lief ich nur kurz. Ich hatte mich in Tokio verirrt. Bei einem Stau auf der Autobahn stieg ich eine Treppe hinunter und landete in einem Tokio mit zwei Monden. Alles war verdreht und surreal. Ich war in der Welt von 1Q84 des japanischen Schriftstellers und Täglichläufers Haruki Murakami angekommen. Ich konnte das Buch nicht weglegen. Der Sog der Erzählung war ungeheuer.

Am Donnerstag (Tag 1618) nach durchlesener Nacht lief ich die Waldseerunde mit Aussicht (15 km). Das seltsame Mädchen mit dem warmen weichen Busen, wie gerade frisch aus der Backstube, ging mir nicht aus dem Kopf. Der warme Duft von frischen Brötchen verließ mich während des ganzen Laufes nicht. Meine GPS-Uhr schenkte mir wieder ein Jahr. Jetzt ist mein Fitness-Alter also 46 Jahre.

Am Freitag (Tag 1619) war ich irgendwie kaputt. Wahrscheinlich hatte ich nachts zu lange gelesen. Ich musste mich zur Parkseerunde (7 km) aufraffen. Am Ende der Runde kam eiskalter Regen vom Himmel. Da mein Körper aber schon richtig warm war, tat das gut. Meine GPS-Uhr meldete, nun sei mein Fitness-Alter 45 Jahre. Abends las ich weiter. Haruki Murakami war inzwischen zu einem Zauberspruch geworden, der mir Zugang zu einer anderen Welt gewährte. Turnen habe ich wieder zu Gunsten der nächtliche Lektüre verschoben. Schlimm schön!

Heute, am Samstag (Tag 1620) war ich völlig übermüdet. Ich turnte sofort am Morgen. Danach schlich ich schläfrig die Parkseerunde entlang (7 km). Zwei Wochen lang war ich im Bann der Lektüre gewesen. Erst las ich die Pilgerreise des farblosen Herrn Tazaki. Dann 1Q84. Nächtelang. Morgens lief ich, abends las ich. Turnen fiel aus. Heute nahm ich meine Lauf- und Turn-Routine wieder auf. Die letzten zwanzig Seiten der Lektüre stehen noch aus. Ich freue mich darauf!

Herbsttage

Tag 1613. Es war eine laufreiche Woche. Der bunte Herbst, die kühle Luft und das regnerische Wetter erfrischten Leib und Seele. Die Wälder hatten noch herrliche Kleider an. Wegen des Regens blieben die Besucher aus. So konnte ich laufend die Abgeschiedenheit und Ruhe des Waldes erleben. Im meditativen Traben flog die Landschaft an mir vorbei. Nur hin und wieder hörte ich einen Vogel rufen. Ansonsten war ich allein im Wald. Der warme Körper lief von allein. Der Alltagsstress fiel von mir ab. Ich vergaß alles. Das Hirn wurde leer. Ich war Laufen – keine Gedanken. Die größte Herausforderung war, nicht in tiefe, kalte Matschlöcher zu treten.

Am letzten Sonntag (Tag 1607) bin ich nach dem Sturm kurz gelaufen.

Am Montag (Tag 1608) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Es war sonnig. Der Wind war sehr kalt. Die Herbstkleider der Bäume leuchteten in der Sonne. Ich hatte Kraft. Die Atmung ging gut. Zum Schluss regnete es eiskalt aus blauem Himmel. Der Wind trieb die Regentropfen fast waagerecht vor sich her.

Am Dienstag (Tag 1609) schoss mir die Hexe beim Staubsaugen in den Rücken. Ich saugte in einer schwer erreichbaren Ecke unter dem Teppich. Schön blöd! Aber was macht man nicht alles als Besitzern eines nagelneuen Staubsaugers, der sehr leise ist und doch wunderbar saugt. Abends konnte ich trotzdem die Parkseerunde ganz vorsichtig durchjoggen (7 km). Die Finsternis umhüllte mich und Karnickelchen umhoppelten mich. Hin und wieder huschte ein Halloween-Gespenst an mir vorbei.

Am Mittwoch (Tag 1610) lief ich die Waldseerunde mit Ausblick (15 km). Ich hatte nur noch leichte Schmerzen im Rücken. Ich trabte etwas vorsichtig vor mich hin. Der Himmel hatte ein strahlend graues Kleid angelegt. Davor kamen die Bäume in ihren bunten Kleidern wunderbar zur Geltung. Ein leiser, friedlicher Nieselregen verlieh dem erstaunlich dichten Blätterdach Glanz. Die rotbraunen Kieferstämme leuchteten satt und vollgesogen vor Feuchtigkeit. Dazwischen erstrahlten die hellblauen Federn von Eichelhähern, die sich von Baum zu Baum gleiten ließen. Die Blätterpracht am Boden ging schon in Matsch über.

Am Donnerstag (Tag 1611) lief ich die Parkseerunde (7 km). Wieder lief ich vorsichtig, denn der Hexenschuss schmerzte noch. Turnen kann ich deshalb leider nicht. Zum Trost hat mir meine Ersatz-GPS-Uhr heute gemeldet, daß mein Fitness-Alter bei 49 Jahren liegt. Na, wenn das kein Grund zum Jubeln ist! Kraft eines Software-Updates verspricht mir diese Uhr, sie könne mir mein Fitness-Alter weissagen. Die Uhr weiß, daß ich 59 Jahre alt bin. Sie misst den Puls, die Geschwindigkeit und Entfernung bei den Läufen. Ansonsten liegt sie in der Schublade. Von der Krankheit, vom Krafttraining und von meinem Alltag weiß sie nichts. Die Uhr darf seit zwei Wochen zu allen Läufen mit. In den zwei Wochen habe ich mich um zehn Jahre verjüngt. Und die Uhr verspricht, daß ich mein Fitness-Alter noch weiter senken werde, wenn ich so weiter mache. Und obwohl das ja eher komisch ist, bin ich irgendwie scharf drauf, der Uhr noch ein paar Jährchen abzuringen!

Am Freitag (Tag 1612) lief ich nur kurz. Der Hexenschuss war nur noch wie ein starker Muskelkater zu fühlen.

Heute, am Samstag (Tag 1613) lockte mich der sonnige Herbsttag auf die Waldseerunde mit Aussicht (15 km). Ich konnte gut atmen und gut laufen. Ein herrlicher Herbsttag!