Eisvogel

Tag 906. Das Laufen wärmt. Nach ein paar Kilometer ist der Körper von den Fingerspitzen bis zu den Fußzehen warm. Soviel Leben im Körper ist für mich Glück pur. Beim Laufen wird es hell und warm und der Winter zeigt sein erfrischendes belebendes Gesicht. Egal ob es schneit, regnet, stürmt oder die Sonne scheint. Draußen atme ich das Leben ein. Das Laufen schafft eine tiefe Verbundenheit mit dem Leben. Wieder zu Hause angekommen kann ich angefüllt von den Funken des Lebens jederman hoffnungsfroh und tatkräftig mit einem tiefen Wohlwollen gegenüber treten.

Am Sonntag (Tag 900) bin ich wie angekündigt nur kurz gelaufen (3 km). Ich fühlte mich von der anstrengenden Woche zuvor schon wieder gut erholt. Die Kälte (2 °C) war überraschend kalt und unangenehm feucht. Aber daran werde ich mich schnell gewöhnen. Ich habe das zehnte Mal die 70 Wochenkilometermarke überschritten. Ich möchte es bei dieser Distanz als Wochenziel belassen. Allerdings lebt in mir ein Zweifel daran, daß es in Zukunft selbstverständlich und einfach sein kann, dieses Wochenziel regelmäßig zu erreichen. Also beschwöre ich mich selbst, mich nur ja nicht selbst einzukerkern und zum Gefangenen dieses Zieles zu machen. Nur solange der lebendige, warme Ton in mir, das Laufen begleitet und den Zweifel übertönt, will ich an diesem Ziel festhalten.

Am Montag (Tag 901) bin ich um den Waldsee gelaufen (14 km). Wieder war es kalt und feucht, aber es war nicht mehr so überraschend wie am Tag zuvor. Die letzte Woche noch nackten Bäume waren nun bedeckt mit einem hauchdünnen Gewand aus Schnee und mir war, als ob sie sehr hell und freundlich lächelten. Der See war silbern wie die Wolken am Himmel. Beide Schwäne leuchteten weithin weiß. Während des Laufes fielen Scheeflocken herab, die sich aber noch bevor sie den Boden berührten auflösten. Auf einer Kiefer hackte ein Specht die Rinde ab und zwei Eichelhäher umschwirrten ihn als warteten sie auf eine vom Specht freigelegte Speise. Ein Hund kam mit einem Ball auf mich zu und legte ihn vor mich hin. Dann hat er mich sehr treuherzig angeschaut. Ich habe den Ball für den Hund geworfen. Der Hund ist hinter dem Ball hergerannt und das Herrchen hat sich bedankt.

Am Dienstag (Tag 902) bin ich nur kurz gelaufen. Den Tag Pause mit nur einem kurzen Lauf brauchte ich. Sonst hätte ich mich in eine tiefe Müdigkeit hineingerannt. Und das will ich ja gerade nicht. Es soll ja Spaß machen.

Am Mittwoch (Tag 903) bin ich zum Badesee gelaufen (18 km). Es war kalt und grau. Der See war klar. Zwei Blesshühnchen kamen herbei geschwommen und schauten mich hoffnungsfroh an. Aber ich hatte nichts zu Essen mit. Also drehten sie ab und tauchten weiter nach unterirdischer Speise. Auf dem Rückweg habe ich das erstemal in meinem Leben einen Eisvogel gesehen. Er saß auf einem Ast an einem kleinen Tümpel im Wald. Ich habe ihn an dem rostroten Brustschild und dem blauen Körper erkannt. Ich blieb stehen und beobachtete ihn. Er drehte sich so, daß ich nur noch das Brustschild sah. Nachdem wir uns ausgiebig gegenseitig betrachtet hatten, flog er davon. Im Flug konnte ich das blaue, schillernde, glänzende Gefieder in seiner vollen Pracht sehen.

Am Donnerstag (Tag 904) habe ich mich auf die Parkseerunde begeben. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten habe ich ich dann gut eingelaufen und es wurde ein angenehmer Lauf in kalter, aber frischer Luft.

Am Freitag (Tag 905) bin ich wieder um den Waldsee gelaufen (14 km). Die beiden Schwäne waren da und ein Graureiher. Zum Schluß kam die Sonne zum Vorschein. Das war sehr schön. Mir hatte nämlich ein Radfahrer auf dem Gehweg sein Rad gegen die Kniescheibe gefahren und hat nicht einmal angehalten. Er ist einfach weiter gefahren. Abgesehen von dem Schreck und dem momentanen Schmerz konnte ich erst aufhören mich zu ärgern, als die Sonne hinter den Wolken hervorkam. Der Himmel wurde blau und der See spiegelt das Blau zurück. Da ist dann mein Ärger von dannen geflogen und ich konnte wieder lächeln.

Heute, am Samstag (Tag 906) bin ich nur kurz gelaufen. Heute fühlte es sich nicht so gut an, die volle Parkseerunde zu laufen. Ich habe abgebrochen und bin heimspaziert. Ich fühlte mich glücklich, daß ich so frei war, abzubrechen. Es war kalt und hat geschneit. Der Schnee blieb aber nicht liegen. Mal sehen, wie es sich morgen anfühlt. Für die 70 Kilometer fehlen 12 km. Mal sehen, ob oder ob nicht.

Ich wünsche eine gute Woche!

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Der reinste Genuß

Tag 899. Nach der Woche mit den kurzen Läufen war diese Woche der reinste Genuß. Anfänglich war es schon fast ungewohnt, raus aus der Stadt in den Wald zu laufen. Umso mehr war das Ankommen im Wald fast wie in die Heimat zurückkehren. Der Duft, die Geräusche, das Licht, der Wind, der Regen waren alte Bekannte, die mir ans Herz gewachsen sind.

Am Montag (Tag 894) bin ich in den Wald gelaufen (14 km). Nach einer stürmischen Nacht mit viel Regen war die Luft frisch und angenehm. Auf dem Boden des Waldes war Moos gewachsen und die Brombeeren hatten noch saftige, grüne Blätter. Die Früchte selbst hat irgend ein Frühaufsteher schon vor langer Zeit aufgegessen. Ich habe eine kleine Schleife zum Trimm-Dich-Pfad gemacht. Dort habe ich am Reck ein paar Klimmzüge gemacht und an den Ringen den Oberkörper gedehnt, was zu einer Verbesserung der Atmung führte. Insgesamt war der Lauf etwas beschwerlich. Aber die frische regennasse Luft hat mich entschädigt.

Am Dienstag (Tag 895) bin ich gleich wieder in den Wald gelaufen (14 km). Es regnete leise vor sich hin. Die Blätter auf dem Boden gingen schon in einen Matschzustand über. Teilweise stand der Weg unter Wasser. Der See lag grau und glänzend wie Quecksilber da. Es war angenehm kühl, die Luft war frisch. Ich habe nur wenige Menschen getroffen. Den Lauf konnte ich genießen.

Am Mittwoch (Tag 896) habe ich mich zu dem dritten Waldseelauf in Folge entschlossen (14 km). Tosender Sturm und Regen wie ein Wasserfall bildeten die Kulisse am Beginn des Laufes. Plötzlich riß die Wolkendecke unvermutet auf und die Sonnenstrahlen brachen sich in den fallenden Regentropfen. Irgendwann versiegte der Regen und die Sonne gewann die Oberhand. Sie bestrahlte die in ihrer aufrechten Haltung streng und nackt wirkenden Bäume. Der Sturm hatte den Bäumen kaum ein Blättlein belassen. Die Bühne ist für den Winter gerichtet. Nur der See erinnerte noch an sonniges Glück. Er spiegelte den blauen Himmel und die goldenen Sonne an diesem Nachmittag.

Am Donnerstag (Tag 897) war Sonnenschein und Regen. Ich habe mich nochmals auf den Wadseelauf begeben. Diesmal habe ich aber den Höhenweg genommen, so daß der Blick über den See ging (15 km). Zwischendurch bin ich vom Wind ganz schön verweht worden. Als ich am See ankam, türmte der Wind dunkelgrüne, fast schwarze Wellen auf. Vor diesem Hintergrund wirkten die beiden Schwäne noch weißer als sonst. Es war der vierte Waldseelaufe in Folge.

Am Freitag (Tag 898) bin ich nur zum Ententeich gelaufen (3 km). Es war sehr anstrengend. Vom reinsten Genuß konnte man eindeutig nicht mehr sprechen. Die vier längeren Läufe saßen mir noch in den Muskeln und in den Atemwegen. Es scheint, daß vier mal 14 km in Folge etwas ganz anderes ist, als wenn man immer wieder einen Pausentag dazwischen schiebt. Mal sehen, wann ich mich erholt habe.

Heute, am Samstag (Tag 899) bin ich die Parkseerunde (7 km) gelaufen. Noch war ich angemüdet. Hinzu kommen die fallenden Temperaturen, an die ich mich erst einmal gewöhnen muß. Morgen werde ich nur zum Ententeich laufen, um die 70 Wochenkilometer zu erreichen. Ich hoffe, am Montag wieder fit zu sein, um dann erneut die Waldseerunde in Angriff nehmen zu können.

Zusammengefaßt kann ich heute schon sagen, 900 Tage täglich Laufen war überwiegend ein Genuß.

Ich wünsche eine genußreiche Woche!

Kurze Läufe

Tag 892. Am Dienstag (Tag 888) hat sich die Woche in die Woche der kurzen Läufe verwandelt. Eine Müdigkeit hatte mich erfasst. Mir war abwechselnd heiß und kalt und die Atemwege waren ausgetrocken und schmerzten etwas. Ich schwöre ja immer, daß man auf den Körper und seine Signale hören muß. Also habe ich erstaunlich leichten Herzens diese Woche als Ruhewoche abgebucht. Aus Erfahrung weiß ich, daß es keinen Zweck hat mit Gewalt gegen den Körper anzurennen. Manchmal brauche ich so eine Erholungswoche.

Am Sonntag (Tag 886) war ich noch voller Tatendrang. Es war das schönste Herbstwetter aller Zeiten im Monat November angesagt. Der morgendliche Blick aus dem Fenster bestätigte die Voraussage. Ich bin die Badeseerunde gelaufen (20 km). Es war ein unglaublich blauer Himmel. Ein Wind spielte mit den bunten Blättern und kühlte die Haut. Alles wurde von der Sonne erhellt. Das zog viele Menschen nach draußen. So war teilweise Slalom angesagt und Ausweichen auf Nebenstrecken. Beim Eintritt in den Wald hörte ich Vogelpalaver. Hoch über der Waldlichtung sah ich einen Schwarm Graureiher oder Kraniche im Kreis fliegen. Immer wieder gesellten sich kleine Grüppchen hinzu. Bei der Rückkehr in den städtischen Raum wurde ich nicht von Krähen begrüßt, sondern von einem singenden, klingenden Gebüsch in einem der zahlreichen Vorgärten, an denen ich vorbeilaufe. Eine Horde Spatzen hatte sich dort zum gemütlichen, lautstarken Mahl niedergelassen.

Am Montag (Tag 887) bin ich die Parkseerunde gelaufen. Ein Falke, ein Mäusebussard und ein Karnickel haben meinen Weg gekreuzt. Das Licht war schummrig, der Himmel war grau, fast schwarz und sah aus, als ob er alsbald einstürzen wollte. Ich fühlte mich vom Vortag noch müde, so daß der Lauf eher mühsam war. Der Wind hat alles was er zu fassen bekam durch die Gegend gepustet. Das war sehr unangenehm für die Atemwege. Wahrscheinlich hatte sich der Infekt schon eingenistet und die Atemwege empfindlich gemacht. Dennoch habe ich mich hinterher erfrischt und durchgepustet sehr gut gefühlt.

Am Dienstag (Tag 888) und Mittwoch (Tag 889) forderte mein Körper Ruhe. Ich vermutete, mein Immunsystem sei mit einem kleinen Infekt beschäftigt. Ich bin also nur kurz gelaufen. Am Donnerstag (Tag 890) hoffte ich, ich könnte schon wieder weiter laufen. Es ging aber doch nicht. Also schön warten, ausruhen und wieder nur kurz laufen. Das gleiche galt am Freitag (Tag 891) und heute, Samstag (Tag 892). Ab Montag soll es wieder normal weiter gehen. Dann müsste der Akku wieder aufgeladen sein.
Ich wünsche allen eine gesunde neue Woche!

Fröhliche Läufe

Tag 885. Genießerisch Laufen durch Wald und Flur. Das ist es, was ich möchte. Ich liebe das Herbstwetter, die Warnrufe der kleinen Meischen, wenn ich ihr Revier betrete und die lautstarke Begrüßung durch die Krähen, wenn ich nach Hause komme. Ich will locker, leicht und fröhlich laufen. Ich laufe nicht verschwitzt, mit rotem Kopf und verbissenem Gesicht durch die Gegend. Das anstrengendste, das mir Spaß macht, ist es, Hügel hinauf zu laufen. Mit meinem fröhlichen Laufen wird es immer leichter längere Strecken zu laufen oder kürzere Strecken schneller zu laufen. Manchmal fühlt es sich an wie fliegen. Dann läuft es von allein. Ich sehe den Wald an mir vorbeifliegen, das Laufen ist so leicht, daß es von ganz alleine geschieht. Irgendwann wird der Atem dann schwer und ich stecke wieder in meinem Körper.

Am Sonntag (Tag 879) bin ich kurz im Park gelaufen (knapp 4 km). Ich wollte nur die 70 Kilometerwochenmarke überlaufen. Seit Juli habe ich neunmal die 70 Wochenkilometer erreicht. Am Sonntag war das erste Mal, daß ich es dreimal in Folge geschafft habe. Mir erscheint es irgendwie seltsam, daß die Erhöhung des Wochenumfanges so schwer ist. Selbst wenn man nur 5 km in der Woche mehr laufen will, fühlt sich das zuerst anstrengend an. Dieses Mal, dem neunten mal hatte ich erstmals das Gefühl, daß es gar nicht sooo anstrengend ist. Der Körper ist schon ein anpassungsfähiges Wunderding.

Am Montag (Tag 880) habe ich mich auf die Meile beschränkt. Am Dienstag (Tag 881) bin ich wieder zum Badesee und um den Badesee herum gelaufen (19 km). Es war traumhaftes Herbstwetter. Die Luft war kühl, der Himmel unglaublich blau. Die Bäume waren immer noch sehr bunt. Auf dem See lagen viele Blätter, was zunächst einen schmutzigen Eindruck machte. Aber die Bäume am Ufer des Sees bildeten eine farbenprächtige, sonnenbeschienene Front, die sich im See spiegelte. Man kann so etwas nicht in einem Foto einfangen. Auch läßt sich eine solche Pracht, soweit das Auge reicht, nicht beschreiben. Zu der bunten Herrlichkeit kam ein leichter, lieblicher Wind und erstaunlich zärtlich wärmende Sonnenstrahlen. Das ganze wurde untermalt vom raschelnden Geräusch der Blätter, die der Windhauch wie Regen über die Szene darnieder schweben ließ.

Am Mittwoch (Tag 882) war ein trüber Tag und ich war vom Tag zuvor deutlich angemüdet. So bin ich die Parkseerunde (7 km) sehr locker gelaufen. Als ich wieder zu Hause war, fühlte ich mich erfrischt. Aber mir tat die Sehne unter der Fußsohle weh. Puh, vielleicht den Hügel zu schnell hinaufgerannt, dann noch über die Kreuzung gesprintet und das mit den superleichten Schuhen.

Am Donnerstag (Tag 883) fühlte ich noch dumpf die Sehne beim Auftreten. Also habe ich mich zur Vernunft entschlossen. Mit stabilen Schuhen bin ich langsam die Meile gelaufen und sehr vorsichtig aufgetreten. Noch waren die 70 Wochenkilometer nicht verloren. Noch wollte ich eine Nacht darüber schlafen und morgen fühlen, was geht.

Am Freitag (Tag 884) war der Schmerz wie weggezaubert. Ich bin locker und vorsichtig um den Waldsee gelaufen und habe sogar noch eine kleinen Schlenker dran gehängt. (16 km). Die Atmung ging heute etwas schwer. Ich glaube, das Süppchen, das wir gestern gegessen haben, hat nicht genug Energie erzeugen können und so haben die Atemmuskeln etwas gestöhnt. Unterwegs habe ich wieder den Schwarzspecht gesehen. Er flog kurz vor mir mit lautem Flügelschlag quer über den Weg. Am Waldsee hat ein Schwan, das edle Tier, gegründelt. Die Entengrütze, an der er sich bei der letzten Sichtung labte, war schon verspeist. Auch ein Mistkäfer des Waldes hat wieder meinen Weg gekreuzt. Zwischendurch hat es kurz geregnet. Dicke, warme Tropfen haben sich mit einem wohltönenden, anheimelnden Plob auf die trockenen Blätter fallen lassen.

Heute, am Samstag (Tag 885) bin ich die Parkseerunde (7 km) gelaufen. Auf den ersten 2 Kilometern habe ich überlegt, ob ich abbrechen soll. Die Atmung ging schwer. Die plötzliche Wärme machte jeden Schritt zur Qual. Während ich mich so vor mich hin quälte, fiel mir ein, daß ich während meines reinen Schreibtischlebens einen Spaziergang zum Ententeich bei solch einer Wetterlage aus Erschöpfung abgebrochen hätte. Während ich darüber nachdachte, wievielte Vorteile die Lauferei allein der körperlichen Ausdauer gebracht hat, ging es auf einmal doch sehr gut und hat Spaß gemacht. Durchhalten hat sich in diesem Falle gelohnt. Zur Belohnung ist mir dann sogar noch ein Karnickelchen über den Weg gelaufen. Was seht ihr eigentlich für Tiere beim Laufen, Radeln oder Wandern?

Ich wünsche eine fröhliche Woche!