Freude tanken

Tag 934. Diese Woche war das Laufen mal wieder so richtig erfrischend. Ich war drei Mal am Badesee. Drei Mal 18 km in einer Woche! Boah, das hätte ich letztes Jahr noch nicht einmal zu träumen gewagt. Hey, 18 km! Das ist schon mehr als Mittelstrecke. Meine Nachbarin hat mich neulich gefragt, wie ich mich dazu aufraffen könne. Tja, ich mußte ihr sagen, auf zu raffen gibt es da nichts. Ich freue mich am Laufen. Ich falle da in so eine Art Trance, die Welt mit ihren aus Vernunft geborenen Sorgen verschwindet im Nichts. Der Wald und ich, wir laufen im Hier und Jetzt. Für mich ist Laufen die kleine Flucht vor dem Mensch sein, vor der Verantwortung, vor der Vergangenheit und der Zukunft, vor Plänen und neuen Plänen. Indem ich loslasse kann ich alles festhalten, kann ich das Leben mit allen Sinnen und aller Kraft erfassen. Im Wald gibt es mich, das Laufen und den Wald. Dieser Ausschnitt des Tages ist meine Freiheit. Da lauf‘ ich, da schnauf‘ ich und das genieß‘ ich – Punkt.

Am Montag (Tag 929) war ich am Badesee (18 km). Nach der sehr ruhigen letzten Woche fühlte es sich gut an. Am Anfang regnete es und nur wenige Menschen waren unterwegs. In einem Garten sah ich einen Zierstrauch mit rosa Blüten. Ja ist denn schon Frühjahr? Zwei Eichhörnchen jagten sich. Das gejagte Eichhörnchen sprang mir fast vor die Füße. Und einige Vögel sangen, zwar noch etwas zaghaft, aber sie sangen. Als ich am See ankam hatte es aufgehört zu regnen. Ich kam mit einer Dame ins Gespräch, die gerade dem See entstiegen war. Sie erzählte, daß sie schon über 10 Jahre auch im Winter im See badet und sie sei nicht die einzige. Ich gebe zu, daß ich überlege, ob ich das versuche.

Am Dienstag (Tag 930) habe ich eine kleine Parkrunde (knapp 4 km) absolviert. Die Luft war gut. Das Wetter war für Dezember mild. Ich konnte genußvoll vor mich hin traben und ein bißchen Freude tanken. Der Schwan schwamm immer noch auf dem Ententeich. Eine Wildgänseschar flog in Keilflugformation über mich dahin. Ich erlebte meinen kleinen Lauf als einen kurzen Moment in Frieden und Freiheit im Einklang mit der Natur.

Am Mittwoch (Tag 931) bin ich wieder zum Badesee gelaufen (18 km). Es war sehr mild und der Himmel wurde ab und zu wirklich blau. Die Sonnenstrahlen erhellten den Wald und die Stimmung. Ein Eichhörnchen lief einen Stamm hinauf und ein anderes saß in einem Vogelfutterhäuschen, wo es genüßlich speiste. Vögel sangen nicht mehr ganz so zaghaft wie noch am Montag. Der junge, noch nicht ganz weiße Schwan schwamm elegant über den See. Die weiße Ente war wieder da. Und es hatten sich zwei chinesische Kaiserenten eingefunden. Ja, hier ist die Welt in Ordnung. Ich komme wieder!

Am Donnerstag (Tag 932) bin ich locker und zur Entspannung die kleine Parkseerunde gelaufen (4 km).

Am Freitag (Tag 933) war ich wieder am Badesee (18 km). Ein Kormoran war da und hat sich auf einem Ast getrocknet. Das Laufen war anstrengend, aber ich konnte doch locker laufen. Noch strengt mich der dritte längere Lauf in der Woche an. Aber ich laufe lieber lang als kurz. Ich habe mal gelesen, es gibt die Kurzstrecken-Typen und die Langstrecken-Typen. Das steckt wohl in den Genen. Ich bin ganz sicher der Langstrecken-Typ. Beim langen Laufen komme ich in ein inneres Gleichgewicht und erfahre einen unbeschreiblichen Glückszustand. In diesem herrlichen Zustand schnurrt die Zeit zusammen und ich könnte nicht sagen, ob eine Ewigkeit oder nur Minuten vergangen sind. Na ja, dafür gibt es ja dann die GPS-Uhr.

Heute, am Samstag (Tag 934) war wieder die kleine Parkseerunde dran (knapp 4 km). Damit werde ich morgen die 70 Wochenkilometermarke wieder überschreiten. Im Park hat eine ganze Krähenschar unter lautem Gejohle (anders war das Gekrähe nicht zu erklären) zwei Falken gejagt. Der Lauf war locker und entspannt bei milder Luft.

Ich wünsche allen ein friedliches und gesundes neues Jahr!

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Körper und Seele wollten es so

Tag 927. Diese Woche bin ich ziemlich verhalten unterwegs gewesen. Dafür gibt es keinen besonderen Grund. Mein Körper und meine Seele wollten nur Parkrunden und kurze Läufe.

Am Sonntag (Tag 921) bin ich 6 km im Park gelaufen. Ich konnte einige Karnickel im Dunkel ausmachen. Da ich unmittelbar nach einem reichlichen Adventsmahl gelaufen bin, war der Lauf beschwerlich. Man sollte nicht mit vollem Magen laufen. Aber ich wollte die 70 Wochenkilometer erreichen und das ist mir gelungen.

Am Montag (Tag 922) bin ich die Parkseerunde gelaufen (7 km). Es war beschwerlich und ich hatte keine Erklärung. Vielleicht saß mir das Krafttraining vom Tag zuvor noch in den Muskeln? Wer weiß. Manchmal läuft es eben nicht so wie erwartet. Ich habe unterwegs einen Hub Salbutamol genommen. Das hat geholfen. Solche Tage hake ich ab und vergesse sie so schnell wie möglich.

Am Dienstag (Tag 923) bin ich eine Meile zum Einkaufen gelaufen. Irgendwie saß die Schlappheit in mir fest. Inzwischen habe ich genug Erfahrung. Ich weiß, daß es nicht gut ist dagegen anzurennnen. Also schön gemütlich und kurz.

Am Mittwoch (Tag 924) bin ich die Parkseerunde gelaufen (7 km). Die Schlappheit zeigte sich auf Kilometer Fünf. Noch während des Laufens konnte ich sie aber überwinden. Insgesamt war der Lauf erfrischend. Fröhlich und voller Tatendrang kam ich zu Hause an.

Auch am Donnerstag (Tag 925) bin ich die Parkrunde gelaufen (7 km). Mir ging es ausgezeichnet. Der Schwan ruhte im Ententeich. Menschen und Hunde waren emsig unterwegs. Der milde Dezembertag erfrischte mit leichtem Regen.

Am Freitag (Tag 926) und heute, am Samstag (Tag 927) bin ich nur kurz gelaufen. Eine konkretes Problem kann ich nicht nennen. Dennoch waren die Läufe dieser Woche viel kürzer als ich geplant hatte. Mal sehen, was der Sonntag und die nächste Woche bringt.

Hunde

Tag 920. Am Montag (Tag 915) bin ich die Waldseerunde gelaufen (14 km). Nach drei Tagen mit Kurzläufen war ich richtig gut ausgeruht. So konnte ich schön locker laufen und sehr gut atmen. Der Himmel war bedeckt und es wehte ein kalter, belebender Wind. Im Sumpf stand der Graureiher mit eingezogenem Kopf. Er wirkte ganz klein und unscheinbar. Am See wühlte ein schwarzer Riesenhund mit seinen Pfoten unter der Wasseroberfläche. Ich blieb stehen, um zu sehen, nach was der Hund so eifrig gräbt. Er kam richtig außer Atem und war voll engagiert bei seinem Tun. Dann holte er tief Luft und der ganze, dicke Kopf verschwand unter Wasser. Nach einer Weile tauchte er mit einem flachen Stein im Maul wieder auf. Er trug den Stein an das Ufer und ging sofort wieder in das Wasser, um den nächsten Stein auszugraben und nach ihm zu tauchen. Ich bin verwundert weitergelaufen und weiß bis heute nicht, was ich davon halten soll.

Am Dienstag (Tag 916) bin ich wieder nur kurz gelaufen.

Am Mittwoch (Tag 917) bin ich zum Badesee gelaufen (18 km). Es war ein trüber, kalter Niesel-Wetter-Tag. Der beste Tag um den Wandel vom widerwilligen Start über frohes Traben durch einsamen Nieselwald bis zur gut gelaunten Heimkehr zu erleben. Auf dem Badesee schwamm ein junger Schwan und viele Enten. Es wirke alles recht grau und gar nicht lebendig. Dem entsprach, daß mehrere Kiefern auf dem Weg zum See gefällt wurden. Das frische Holz riecht gut. Aber es ist entsetzlich zu sehen, wie kräftige Baumriesen unter dem Lärm der Motorsäge zu Fall gebracht werden. Mich übermannte eine tiefe, existenzielle Erschütterung. Da war ich dann fast froh, als ich an der Wildschweinsuhle von einem kleinen Hündchen bekläfft wurde. Der kleine, weiße Hund grub mit großer Inbrunst. Als ich angelaufen kam, kläffte er mich wütend an. Dabei hob er sein kleines eifriges Gesichtchen aus dem schwarzen Matschloch und schaute in meine Richtung. Ich schaute direkt in das Maul des kleinen Tieres. Ich sah die gefletschten Lefzen, die wütenden Zähne und die rosige Zunge. Der kläffende, kleine, weiße Hund sah unheimlich aus … unheimlich dreckig.

Am Donnerstag (Tag 918) bin ich zum Waldsee gelaufen (14 km). Die Sonne schien. Die Luft war zu kalt, als daß die Sonne sie hätte erwärmen können. Aber das Licht hellte die Stimmung auf. Die Seeoberfläche gräuselte sich mehr als üblich unter kaltem Wind. Die zwei weißen Schwäne hatten sich weit vom Ufer entfernt. Sie wirkten heute hell und erhaben. Ein kleiner eiliger Buntspecht kreuzte meinen Weg. In der Ferne hörte ich den Schrei eines Raubvogels. Wie am Montag konnte ich gut atmen. Ich hatte Zeit, die Menschen anzulächeln, die mir begegneten. Und fast jeder ließ sich einladen, zurück zu lächeln. Eine Frau schob einen Kinderwagen um den See. Mein Blick fiel auf die Kinder im Wagen. Ich erschrak und dachte: „Huch sind die pelzig“. Im nächsten Moment erkannte ich, daß zwei Dackel in dem Kinderwagen halb lagen, halb saßen. Die Dackel waren alt. Sie waren nicht mehr so gut zu Fuß. Also fuhr die Frau die Dackel im Kinderwagen an den See. Dort konnten sie aussteigen und andere Hunde treffen. Sie konnten ein bißchen spielen und dann wurden sie wieder nach Hause gefahren.

Am Freitag (Tag 919) war ich auf der Parkseerunde (7 km). Ein fieser kalter Wind und ein leichter kalter Regen wollten mich vom Laufen abschrecken. Aber ich ließ das nicht zu. So wurde es ein erfrischender Lauf in kühler Luft. Ein Schwan hatte sich in den Ententeich verirrt. Mindestens fünf Entlein schwammen hinter dem Schwan her als freuten sie sich über die Abwechslung.

Heute, am Samstag (Tag 920) bin ich wieder die Parkseerunde gelaufen (7 km). Der fiese kalte Wind war immer noch da. Aber die Sonne hatte sich derweil durch die Wolken gefressen. Ich war etwas angemüdet, aber glücklich. Es ergab sich zum erstenmal ein nettes kleines Gespräch mit einer Grüßfreundschaft, die seit meinen ersten Laufversuchen im Jahre 2012 bestand. Immer wenn ich über Mittag auf der Parkseerunde war, sahen wir uns und grüßten uns.

Morgen werde ich noch einmal die Parkseerunde laufen und dann habe ich diese Woche wieder 70 km erreicht. Nach wie vor ist das für mich die oberste Grenze. Wie ich die nächste Woche gestalte, weiß ich noch nicht.

Ich wünsche allen eine gute Woche!

Täglich Laufen – 2 Jahr und 6 Monate

Tag 913. Es ist so wenig und doch so viel. Die eigenen vier Wände täglich zum Laufen zu verlassen ist so einfach. Die Treppe runter, ein paar Minuten laufen, über die Straße mit der Ampel huschen und schon bin ich im Park mit seinen alten Bäumen, seinen Teichen und seinen Tieren. Friedliche, freundliche Menschen genießen dort kleine Auszeiten. Krähen spielen mit Hunden. Eichhörnchen belagern Parkbänke und lassen sich Nüsschen schenken. Kinder, Halbwüchsige und Erwachsene joggen, rennen, laufen, spazieren, schlendern, jeder wie er will. Für die Strecke durch den Wald geht es an einem Feld vorbei, dann durch einen langestreckten Park bis zum Wald. Im Wald bleibt die Unruhe der Großstadt hinter mir, ich laufe zu den verschiedenen Seen und erfreue mich an der Natur.

Im Sommer bin ich sogar zum See gelaufen, im See geschwommen und wieder nach Hause gelaufen. Gibt es eine größere Freiheit? Wenn ich auf die Reihe der Tage zurückblicke, blicke ich in das Antlitz des lieblichen Fräulein Freiheit. Sie ist meine treueste Begleiterin. Selbst wenn die Sonne sich hinter Wolken verkriecht, wenn der Regen niederprasselt oder der Wind bläst. Immer ist sie bereit, sich beim Laufen zu mir zu gesellen. Ich sehe sie vor mir in ihren zahlreichen Gewändern passend zur Saison. Mal trägt sie ein zartgrünes Gewand, dann ein sattgrünes, mal ist es bunt getupft, dann wieder schneeweiß. Sie ist so vielgestaltig. Dennoch immer erkennbar und immer erfühlbar.

Das tägliche Laufen im Licht, an der frischen Luft während der wechselnden Jahreszeiten erfrischt Körper und Geist. Es vermittelt eine Lebendigkeit und Verbundenheit mit der Welt. Für dieses Glück gibt es keine passenden Worte. Wenn es so wäre, würden alle, auch die Lungenkranken, die Parks und die Wälder stürmen, sobald die magischen Worte gesprochen wurden. Die Lebenskraft die durch die Natur und die Millionen Wesen in ihr fließt, fliegen wie Funken des Feuers durch die Luft und erfüllen mich mit Leben. Glück druchströmt mich. Ah, ich tanke auf, Ich werde stark und werfe die Fesseln des Alltags ab. Das Fräulein Freiheit lächelt und wir traben weiter, immer weiter am satten Strom des Lebens entlang.

Im März 2012 habe ich den Schreibtisch verlassen. Anfangs bin ich geradelt und im See geschwommen. Im Sommer oder Herbst 2012 habe ich angefangen zu laufen. Bis ich täglich laufen konnte bedurfte es einiger Übung. Seit 6. Juni 2013 laufe ich nun täglich. Ich bin über 5.800 km gelaufen. Ich hätte mir das anfangs nicht vorstellen können. Und ich hätte nie gedacht, wie belebend die körperliche Belastung ist. Ich fühle mich stark und belastbar. Ich erlebe statt eines krankheitsbedingt zu erwartenden Abwärtstrends weiterhin einen Aufwärtstrend. Ich singe und jubele und wünsche mir aus tiefstem Herzen, daß der Glückspfad, den ich für mich gefunden habe, nicht so bald endet.

Bei allen, die mich mit Kommentaren und ihren eigenen Erfahrungen bestärkt haben, bedanke ich mich herzlich. So mancher Kommentar hat mich bestärkt, den Pfad nicht zu verlassen.

Ich wünsche allen Lesern eine erfüllte Woche!