Regeneration

Tag 969. In dieser Woche hat mich immer wieder die Müdigkeit überfallen. Vielleicht fiel mir auch nur die Anpassung an das frühlingshafte Wetter schwer? Egal, ich nahm das als Signal, daß mein Körper sich etwas Regeneration wünscht.

Am Sonntag (Tag 963) war die weiße Pracht verschwunden. Ein laues, aber graues Lüftchen luden zum kurzen Lauf ein.

Am Montag (Tag 964) hatte mich die Müdigkeit ereilt, die häufig nach zwei Wochen mit siebzig Kilometer aufgetreten ist. Ein kleiner Lauf zum Ententeich reichte mir. Im Tal lag ein dichter Nebel, der dem ansonsten feuchtem Grau etwas geheimnisvolles verlieh.

Am Dienstag (Tag 965) bin ich durch den Wald zum Badesee gelaufen (19 km). Es war ca. 10 °C warm. Die Luft fühlte sich fast warm an. Die Sonne schien. Nur ab und zu schob sich eine Wolke davor. Es war Frühling! Die Vögel zwitscherten laut und froh. Auf dem Boden gab es nur noch an wenigen schattigen Plätzen eisige Stellen. Der See war zwar noch zugefroren, aber das Eis trug nicht mehr.

Am Mittwoch (Tag 966) bin ich nur kurz im Park gelaufen (4 km). Ich glaubte, die plötzlich Wärme zehrte etwas an den Kräften. An einigen Büschen kamen schon grüne Blättchen hervor. Und die Vögel zwitscherten ganz schön laut.

Am Donnerstag (Tag 967) hatte ich wieder das Gefühl von Müdigkeit. Als nachmittags die Sonne lockte, lief ich trotzdem zum Waldsee (14 km). Anfangs tat ich mich sehr schwer. Aber während des Laufes wurde es immer besser. Im letzten Drittel fand ich den Rhythmus und ich kam in einen leichten, lockeren Trab bei dem ich gut atmen konnte. Von der Müdigkeit war keine Spur mehr.

Am Freitag (Tag 968) sollte es noch einmal zum Waldsee gehen. Nachts hatten mich allerdings Krämpfe geplagt und am Tag war ich sehr müde. So bin ich am Abend nur kurz im Park gelaufen.

Heute, am Samstag (Tag 969) bin ich wieder nur kurz gelaufen. Es war ein herrlicher Lauf bei kaltem Regen und heftigem Sturm im Dunkeln. Ich wäre weiter und weiter gelaufen. Aber mein Körper wollte nicht. So bin ich mit bedauern aber beglückt alsbald umgekehrt.

Insgesamt war es eine erholsame Woche und das hat mir gut getan. So wünsche ich allen die hier lesen auch eine erholsame Woche, die gut tut.

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Eine Woche Schnee

Tag (962). Es war eine leichte, frohe Woche. Laufen, Sonnenschein, Schnee und reines Glück hatten sich vereint. Weiter, weiter laufen, locker bleiben, die Welt wahrnehmen, das Knirschen des Schnees hören, den zaghaften Vogelgesängen lauschen, die Sonne fühlen, Schnee riechen: das sind die Zutaten für das so schmackhafte Gericht mit dem Namen Glückliche Stunden. Mit der neuen Atemtechnik ist die Atemnot verschwunden, solange es mir gelingt locker auszuatmen. Auf diese Weise kann ich wieder leicht und locker durchlaufen. Oh doctor, thank you! Laufglück, ich möchte dich umarmen und nie wieder loslassen.

Am Sonntag (Tag 956) habe ich die 70 km um 300 m verfehlt. Nein, ich ärgere mich nicht. Die Schneewoche war vergnüglich und die frostige Luft wirkte auf mich belebend und erfrischend. Auf jedem Ästchen lag ein Schneehäufchen. Auf den Dächern, Straßen und Gehwegen hatte jemand sorgfältig eine dicke Schicht Puderzucker aufgetragen. Alles sah so sauber und schön aus, daß mich ein Glücksstrom durchlief. Ich bin um den Parksee gelaufen und habe mich an den schlittenfahrenden Kindern erfreut. Es klang wie im Hochsommer bei 30 °C im Schwimmbad. Die fröhlichen Kinderstimmen erzeugen einen unverkennbaren Klangteppich. Zur Krönung wurde ich auch noch jubelnd von den Krähen umflattert und bekräht, als ich nach Haus kam. Das Leben kann so schön sein!

Am Montag (Tag 957) war Schnee und Sonnenschein bei – 5 °C. Ein wunderbarer Tag, um an den Badesee zu laufen (20 km). Weil es so schön war im Sonnenschein bin ich ein paar Schlenker zusätzlich gelaufen. Es war nicht so sehr rutschig, denn eine feine Neuschneeauflage gab etwas halt. Ein leichter Wind warf mit lockerem Pulverschnee von den Bäumen nach mir. Die neue Atemtechnik 4 ein, 2 aus klappt schon besser. Ab und zu habe ich gedacht: „Atemnot war gestern!“. Meine Gps-Uhr hat 892 Höhenmeter gemessen. Wie realistisch eine solche Messung ist werde ich wohl nie erfahren. Den jungen Schwan, der unter all den Enten und einigen wenigen Blesshühnern auf dem freien Eisloch im See schwimmt, wird das nicht interessieren. Und mich interessiert es eigentlich auch nicht. Die Sonne war warm, ich war glücklich! Der Schwan wird ein herrliches, weißes, elegantes Tier werden. Ich werde ein richtiger Läufer werden! Ich fliege über den Schnee und höre auf die knirschende Antwort der glitzernden Kristalle. Dazu singen die Vögel und mein Atem gleitet leicht hinein und und hinaus. Leben, ich komme! Nein: Leben, ich bin da!

Am Dienstag (Tag 958) bin ich wieder bei – 6 °C durch den Park gelaufen (4 km). Festgetretener Schnee hat winterlich unter meinen Schritten geknirscht. Wieder haben die Vögel leise vor sich hin gesungen. Herrlich! So kann es weitergehen.

Am Mittwoch (Tag 959) ginge es genau so wie am Dienstag weiter. Für einen langen Lauf fühlte ich mich noch nicht wieder bereit. Der Lauf im Park war angenehm und die neue Atemtechnik fängt an, mir ausgesprochen gut zu tun. Ich achtete heute vor allem auf die Entspannung beim vollständigen Ausatmen. Es kam keine Atemnot auf. Wie es sich verhält, wenn ich versuche schneller zu werden, habe ich noch nicht getestet.

Am Donnerstag (Tag 960) bin ich die erweiterte Badeseerunde angetreten (20 km). Es war feuchter Frost und keine Sonne schien. Der Schnee knirschte unter den Füßen. Die Vögel sangen leise ihre Lieder. Die überall geschlossene Schneedecke war an der Rodelbahn abgerodelt. Der See war vollständig zugefroren. An einer Stelle hatte jemand ein quadratisches Loch in das Eis gesägt. Dort sah ich die Dame baden, von der ich schon einmal berichtet hatte. Nicht weit entfernt stand ein Graureiher und betrachtete sich das Ganze. Ich lief wieder heim und war etwas angefroren, als ich zu Hause ankam.

Am Freitag (Tag 961) bin ich nur kurz gelaufen. Es war strahlender Sonnenschein. Aber es wehte ein eiskalter Wind und die Temperatur war wie in der Tiefkühltruhe. Da bin ich schnell wieder umgekehrt. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

Heute, am Samstag (Tag 962) war voraussichtlich der letzte Schneetag bis auf weiteres. Da konnte ich nicht zu Hause sitzen. Ich habe einen Abschiedslauf zum Badesee mit ein paar Schlenkern gemacht (21 km). In der Nacht hatte es erneut geschneit und während ich lief, schneite es weiter. Noch ein letztes mal wurden die Geräusche durch den Schnee gedämpft. Eine anheimelnde Ruhe hatte sich im Wald ausgebreitet. Nur das Hämmern des Spechts war ab und an zu hören. Als ich im Wald eine Straße überquerte, tat dies wenige Meter neben mir ein Fuchs ebenfalls. Der See war zugefroren. Einige Schlittschuhläufer schaufelten sich die Eisfläche frei, um auf dem blitzblanken Eis ihre Runden zu drehen. Mit Wehmut, weil der Winter vielleicht schon vorbei ist, kam ich zu Hause an.

Diese herrliche Schneewoche wird mir in Erinnerung bleiben.

Ausatmen!

Tag 955. Zur Zeit beschäftigt mich das Ausatmen. Die Annahme ist, wenn ich gut ausatme, kann ich die Atemnot beim Laufen vermeiden. Dann überbläht die Lunge nicht. Also versuche ich erst einzuatmen, wenn die alte Luft wirklich abgeatmet ist. Beim Gesunden ist ein zwei zu zwei Rhythmus normal: h,h – h,h. http://(https://www.youtube.com/watch?v=jEpXPBVBQvA) (bei Minute 2:07 – 2:30). Meine Atemwege sind eng. Also mache ich einen vier zu zwei Rhythmus: h,h,h,h – h,h und dann einen drei zu zwei Rhythmus h,h,h – h,h. Die beiden Rhythmen wechsle ich ab. Die Luft atme ich in kleinen Portionen ab (damit die Atemwege sich nicht verschließen?). Wenn ich forciert ausatme, strengt das die Muskeln beim Ausatmen an und fast noch mehr beim Einatmen. Ich übe das jetzt und hoffe, daß die Muskeln stark werden und nicht mehr brennen. Prima ist, daß ich nach Hause komme und der Peak Flow ist nicht abgestürzt. Bestimmt ist das so, weil ich die Lunge nicht überblähe. Wie macht ihr das? Wendet ihr Kraft auf um aus- und einzuatmen?

Am Sonntag (Tag 949) bin ich über vereiste Wege nur kurz gelaufen. Das machte mir eher wenig Spaß, denn ich wurde nicht warm und die Atmung kam nicht richtig in Schwung. In der kommenden Woche soll alles besser werden.

Am Montag (Tag 950) bin ich um den Waldsee gelaufen (15 km). Der Lauf war eine eisige Schlitterpartie. Es war glatt und nass. Statt glücklich durch den Wald zu fliegen, war ich froh, nicht auf die Schnauze zu fliegen. Aber irgendwie war das auch ein schönes Abenteuer. Zum Einbruch der Dunkelheit hatten sich Nebelschwaden gebildet. Der See lag milchig trüb vor mir und verschwand im Nebel. Es waren nur wenige Menschen unterwegs. Die Romantik des Nebels konnte allerdings nicht in mein Inneres Vordringen. Denn ich war mit Ausatmen beschäftigt.

Am Dienstag (Tag 951) bin ich durch den halben Park geschlittert (4 km). O.k., laufen konnte man es nicht nennen. Der Rasen stand fast vollständig unter Wasser. Etwa zwanzig Krähen hatten sich dort versammelt und schienen im eiskalten halb gefrorenen Wasser herrliche Leckereien zu finden. Meine Versuche, einen Rhythmus beim Atmen zu befolgen fielen auch ins Wasser.

Am Mittwoch (Tag 952) bin ich zum Badesee gelaufen (17 km). Meistenteils war es wieder eine Schlitterpartie. Ich traf fast nur professionelle Hundeausführer mit ihren 20er und 30er Gruppen von Hunden. Als ich vom See zurück kam, stieß ich zwei km vor dem See auf ein älteres Ehepaar. Beide weinten fast. Denn sie hatten nicht damit gerechnet, daß der abschüssige Weg so glatt sein würde. Ich riet ihnen, umzukehren. Denn der alte, fest getrampelte und vereiste Schnee und der Eisregen bei 0 °C verhießen nichts Gutes. Wieder versuchte ich die neue Atemtechnik anzuwenden. Meine Haupterkenntnis bis jetzt ist: ich habe tatsächlich das Ausatmen sträflich vernachlässigt. Ich empfinde nicht nur das vollständige Ausatmen sondern noch mehr das Einatmen als extrem anstrengend. Die Muskeln sind das einfach nicht gewöhnt.

Am Donnerstag (Tag 953) bin ich bei schönstem Sonnenschein und freundlicher Kälte im Park eine kleine Runde unterwegs gewesen (knapp 4 km). Wieder habe ich mich mit dem Aus- und Einatmen beschäftigt. Ich glaube, ich kann mich an den Rhythmus gewöhnen.

Am Freitag (Tag 954) bin ich im Neuschnee zum Badesee gelaufen (18 km). Es war wieder glatt. Die neue Atemtechnik gefällt mir. Zwei Läufer kamen mir entgegen und die haben die Luft auch mit so einem vernehmbaren h ausgeatmet. Die Luft war kalt und schneeschwanger. Aber es fiel beim Lauf kein neuer Schnee mehr. Es war nur eine Scheinschwangerschaft. Zwischendurch kam sogar mal die Sonne hervor. Der See war zugefroren. Am Rande eines Eisloches saßen Enten und ein junger Schwan. Der ließ sich vor meinen Augen in das Wasser gleiten und durchpflügte langsam und maiestätisch das Eisloch. Die Enten fingen an zu schnattern und schwammen hinterher. Vermutlich waren sie der Meinung, der Schwan habe etwas zu fressen ausfindig gemacht.

Heute, am Samstag (955) bin ich nur kurz gelaufen. Die Schlitterpartien unter der Woche waren doch anstrengender als gedacht, so daß heute ein Kurzlauf notwendig war. Vielleicht werde ich morgen die zur 70 Kilometerwoche fehlenden 10 km noch laufen. Mal sehen.

Ich wünsche eine schöne Laufwoche und gutes Ausatmen!

Weiß, hell und still

Tag 948. Diese Woche war Winter! Eiskalte Winde aus Sibirien haben den Winter herbeigeweht. Herrlicher Pulverschnee hüllte meine Welt in Unschuld. Feines, weißes Pulver ließ die Welt friedlich und sauber erscheinen. Autos blieben zugeschneit am Straßenrand stehen. Erst hatte ich noch Furcht, die kalte Luft würde wie letztes Jahr in meine empfindlichen Atemwege schneiden und mir den Atem rauben. Aber es war ganz anders. Ich war durch meine Medikamente gut gewappnet. Die ersten vorsichtigen Tage ließen mich immer mutiger werden. Am Mittwoch ging es dann wirklich los.

Am Sonntag (Tag 942) und am Montag (Tag 943) bin ich dick eingemummelt nur kurz gelaufen. Eiskalter Wind aus Sibirien versuchte mein Gesicht einzufrieren. Ich fühlte mich dabei aber erstaunlich wohl. Am Dienstag (Tag 944) war ich auch nur kurz aber etwas länger als an den beiden Tagen zuvor unterwegs.

Am Mittwoch (Tag 945) ging es dann endlich wieder los (15 km). Über Nacht hatte es geschneit und es hörte nicht auf zu schneien. Die Welt war weiß, hell und still. Bei -6°C blieb der Schnee als Pulverschnee vom feinsten liegen. Der Pulverschnee entpuppte sich als echte läuferische Herausforderung. Denn ich versank bei jedem Schritt bis zur Wade im Schnee und fand keinen Halt in dem rutschigen Schnee. Zur Entschädigung waren nur sehr wenige Menschen und fast keine Autos unterwegs. Es lag eine friedliche Ruhe in der weißen Welt. Der Waldsee war am Rand zugefroren. Ca. 100 Enten und Blesshühner hatten sich an einer noch offenen Stelle versammelt. Die beiden Schwäne schritten auf dem zugefrorenen Rand die Vogelkolonie ab. Auf dem Rückweg fühlte ich mich am freien Feld von einer Krähe herzlich begrüßt. Als ich zu ihr aufblickte, saß sie auf einem Ast und das Krähen galt nicht mir sondern einem Falken, der sich gerade auf einem nicht weit entfernten Ast niederließ. Der Falke sah etwas zerzaust aus. Er ruhte sich für eine Minute aus und dann segelte er über mich hinweg schutzsuchend zwischen zwei Bäumen hindurch. Die Krähe jagte hinter dem Falken her und machte nach Leibes Kräften durch ihr Krähen ihrem Namen alle Ehre.

Am Donnerstag (Tag 945) bin ich im Dunkeln auf Glatteis nur kurz gelaufen. Auf dem Eis konnte ich mich nicht abdrücken. Ich kam einfach nicht vorwärts. Außerdem hatte ich vorher gegessen, so daß ich nicht durchatmen konnte. Ich stellte mir vor, daß es etwa so sein muß, wenn man auf Stufe IV angekommen ist. Ich hoffte auf besseren Gripp am nächsten Tag.

Am Freitag (Tag 946) fing es sehr gut an. Die Sonne schaute schüchtern zwischen all dem Grau am Himmel hervor. Ich lief los und freute mich auf einen schönen Lauf. Nach 1 km kam ich auf vereisten Boden und mein Knie fing an zu jammern. Ich habe versucht zu gehen, da wurde es noch schlimmer. Bei Kilometer 2 habe ich die Uhr abgeschaltet und bin nach Hause gehumpelt. So ein Mist! Auf dem rutschigen Boden wurde irgend ein Schleimbeutel oder was auch immer im Knie gereizt. Es blieb mir nichts anderes als auf Samstag zu hoffen.

Heute, am Samstag (Tag 947) bin ich doch nur kurz gelaufen. Das Wetter war schön, die Sonne schien, tausend Menschen waren unterwegs. Ich hatte keine Lust auf Slalom-Lauf.

Das neue Laufjahr steht bevor!

Tag 941. Der Wald, die Natur und das Wetter machen ihre Angebote und ich versuche dafür offen zu sein. Ich werde es nehmen, gerade so, wie es kommt. Dabei werde ich mich glücklich preisen, solange es mir vergönnt ist, täglich Parks und Wälder laufend zu durchstreifen. Mit offenen Augen und wachen Sinnen kann jeder Lauf ein kostbares Abenteuer sein.

Für das Jahr 2016 habe ich mir vorgenommen, weiterhin locker zu laufen. Als Laufpartner erwähle ich mir wieder das Laufglück. Ziel meines Laufens ist es glücklich zu sein. Mir verschafft das Laufen eine innere Zufriedenheit. Dabei kommt es nicht auf die Zahl der gelaufenen Kilometer an. Dennoch erfüllen mich die von mir zurückgelegten Strecken mit einem köstlichen Staunen und einer gewissen Genugtuung. Mit jedem Kilometer mehr heimse ich einen kleinen Triumph ein. Dadurch wächst meine Zuversicht und meine Angst vor dem Abgrund, wird blass und schwächlich. Mehr und mehr verliert sie ihre Daseinsberechtigung.

2013 habe ich in einem Forum folgenden Satz gefunden:

„Wenn du länger – sagen wir mal 15-18 km am Stück – mehrfach alle 1-2 Tage hintereinander locker laufen kannst und das nicht darin endet, dass der Rest des Tages auf der Couch verbracht werden muss, würde ich mir Gedanken über höhere Geschwindigkeit machen. Wobei die im allgemeinen dann auch ganz von alleine kommt.“

Im Jahr 2012 hätte ich solch einen Text nicht einmal gelesen, geschweige denn für mich in irgendeiner Form passend befunden. 2013 war mir sonnenklar, daß ich das vergessen kann. Im Jahre 2014 ahnte ich, daß es vielleicht möglich sein könnte soweit zu laufen. Am Jahresende 2015 las ich den Text und dachte, hm, das mit der Strecke könnte im kommenden Jahr wahr werden. Das mit der Geschwindigkeit, na ja, wohl eher nicht.

Am letzten Sonntag (Tag 935) bin ich im Park kurz gelaufen (knapp 4 km), um die 70 km Wochenmarke zu überschreiten. Es waren sehr viele Leute unterwegs und meine Atmung ging gar nicht gut. Ich habe mir gedacht: „Nur nicht verzagen, es geht ja an vielen Tagen!“

Am Montag (Tag 936) bin ich nur kurz gelaufen trotz Sonne und blauem Himmel. Die Atmung ging viel besser als am Sonntag.

Am Dienstag (Tag 937) hat mich das Laufglück bei der Hand genommen und wir sind zusammen insgesamt 25 km gelaufen. Erst lief ich zum Badesee. Es war schönster Sonnenschein. Ich konnte die frische Luft wahrnehmen, die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren und mich über den winterlichen Wald freuen. Am See habe ich mich dann entschlossen endlich mal den Weg bergauf auszuprobieren. Bald wurde mir klar, da geht es zum großen Fluß. Ich konnte mich einfach nicht bremsen und bin zum Fluß gelaufen. Nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, brauchte ich Salbutamol, denn der Atem blieb weg. Es ging dann auf und ab und ich dachte, das schaffst Du nicht wieder nach Hause. Während des Laufens wurde aber alles immer leichter und nach 25 km war ich wieder zu Hause. Ja, so stelle ich mir einen gelungenen Lauf vor.

Am Mittwoch (Tag 938) war ich morgens beim Aufstehen davon überzeugt, die Müdigkeit sitze in jeder Zelle. Immerhin hatte ich am Vortag den längsten Lauf meines Lebens absolviert. Ich hatte aber keinen Muskelkater und überhaupt ging es mir sehr gut. So wagte ich mich an die gesamte Parkseerunde (7 km). Und es ging recht problemlos. Selbst der eiskalte Wind, den ich letztes Jahr beschuldigt hatte, mir den Atem zu nehmen, machte mir nichts aus. So durfte ich einen lockeren, entspannenden Lauf im Sonnenschein bei eiskaltem Wind genießen. Juhu!

Am Donnerstag (Tag 939) war Silvester. Ich habe mich für den Lauf zum Badesee entschieden (18 km). In diesen Tagen leben in der Stadt an allen Ecken Knallfrösche, die dazu neigen, mich anzuspringen und fast zu Tode zu erschrecken. Um den Fröschen zu entkommen, lief ich aus der Stadt hinaus. Im Wald angekommen umfing mich köstliche Abgeschiedenheit. Am See zogen drei Kormorane ihre Runden. Auf dem Rückweg habe ich an einem kleinen Teich im Wald einen Mäusebussard aufgeschreckt. Er wirkte riesig, als er sich mit seinen Schwingen leicht erhob und von dannen flog. Mit diesem Lauf bin ich in drei Tagen 50 km gelaufen. Das spürte ich. Die Atemmuskeln wollten nicht so recht und die Beine waren schwer und müde. Aber die kalte Frische und der strahlende Sonnenschein haben sehr gut getan. Es war ein würdiger Jahresabschluss!

Am Freitag (Tag 940) war der Neujahrstag. Dicker kalter Nebel, gesättigt mit Rußteilchen, bedrohten die Atemwege. Die Sonne hatte entgegen der Wettervorhersage an diesem Tag keine Chance. So bin ich nur kurz gelaufen.

Am Samstag (Tag 941) war ich wieder auf der Waldseerunde (14 km). Ich habe den Höhenweg genommen und so hatte ich einen schönen Blick auf den im Tal liegenden bleigrau-grünlichen See. Die beiden Schwäne hatten wohl Streit, denn sie hielten etwa hundert Meter Abstand von einander. Ein fettes Eichhörnchen hat sich in Augenhöhe an eine Astgabel gekrallt und so etwas wie Klimmzüge gemacht. Vielleicht wollte es ein Mädel beeindrucken. Vielleicht. Der kalte Wind und der Nebel sind durch meine Kleider gedrungen und ich wurde richtig kalt. Umso schöner wahr die wohlige Wärme, als ich wieder zu Hause war.

Ich wünsche schöne kalte Läufe, aber nicht erfrieren, gell!