Sommersonnenwende

Tag 1116. Am 21. Juni war die Sommersonnenwende und Vollmond. Mehr Licht hat das Jahr nicht zu bieten. Ab jetzt werden die Tage wieder kürzer. Auch wenn mir das nicht gefällt, so freut sich doch meine Atmung. Denn die ist in aller Herrgotts Frühe meist eher widerspenstig. Auch mein Kreislauf findet diesen Tagesabschnitt nicht so toll. Dennoch ist es wundervoll in der Frühe allein durch Stadt und Wald zu laufen. Vielleicht werde ich irgendwann noch zu einem Menschen, der morgens mit der Stirnlampe losläuft? Wäre das noch normal?

Am Sonntag (Tag 1110) war der Morgen von einem riesigen Vollmond beleuchtet als ob jemand einen überdimensionierten Scheinwerfer angeschaltet hätte. Gleichzeitig war schon das zarte Rosa der Dämmerung am Horizont zu erkennen. Mein Herz klopfte und jubelte. Das war Romantik pur. Ich lief durch den kühlen (13 °C) Morgen zum See (19 km). Dort war die Sonne gerade aufgegangen. Der dampfende See (20 °C) lag golden und ruhig in der Sonne. Vereinzelt war ein quakender Frosch zu vernehmen. Nach dem Regen der Nacht und vom Vortag fühlte sich das Wasser noch weicher und himmlischer an als sonst. Kein Mensch war da, um diesen Morgen zu genießen. Nur zwei Blesshuhn-Familien kamen aufgeregt herbei geschwommen. Die Enten und alle anderen Vögel schliefen noch. Erst auf dem Rückweg begegnete ich den ersten Menschen.

Am Montag (Tag 1111) und Dienstag (Tag 1112) bin ich nur kurz gelaufen.

Am Mittwoch (Tag 1113) bin ich wieder zum Baden am See gewesen (19 km). Schon ganz in der Frühe war es sehr hell. Auf dem Weg zum See lief ich auf den riesigen hellen Mond zu. Und weil es so früh war, lief ich teilweise noch im Halbschlaf. Im Park, der zum Wald führt, weckte mich ein leises besorgtes Grunzen. Keine 5 Meter vor mir stand ein Wildschwein, das mir bis zur Hüfte ging. So groß war es. Ich wich dem Tier aus und freute mich über diese Begegnung. Wenig später hatte ich eine ähnliche Begegnung mit einem Fuchs. Auch diesem wich ich aus. Schließlich bin ich der Gast im Walde – besonders um diese Uhrzeit. Auf dem Heimweg, schon fast in der Zivilisation, flog ein Spatz haarscharf an meinem Kopf vorbei. Damit nicht genug. Es folgte ein Turmfalke. Er musste über mich hinwegfliegen und so verlor er den Spatz, der sich in das Blattwerk eines Baumes retten konnte. Für den Spatz ein Glück, für den Turmfalken Kummer wegen des hungrigen Nachwuchs.

Am Donnerstag (Tag 1114) bin ich nur kurz gelaufen.

Am Freitag (Tag 1115) war ich wieder zum Baden am See (20 km). Auf dem Weg zum See ist mir im Park ein junges Wildschwein begegnet. Es sprang in der Dämmerung auf der Wiese wie ein junges Böckchen herum. Das Schwänzlein stand hoch in der Luft. Die Haare an der Schwanzspitze wehten wie ein Fähnchen in der Luft. Später im Wald querten drei kleine, noch gestreifte Schweinchen meinen Weg. Die Nachhut bildete ein erwachsenes Schwein. Es stellte sich auf meinen Weg und grunzte in meine Richtung. Ich kehrte um. Immer wenn ich zurückschaute, stand das Schwein da und glotzte in meine Richtung. Ich musste zurücklaufen und den Berg rechts herum umrunden, denn Familie Wildschwein wollte links herum gehen. Später hatte ich noch zwei verschiedene Kontakte mit Füchsen. Die Füchse sind scheu, bleiben aber doch immer ein Weilchen auf dem Weg stehen, um zu sehen, wer da kommt. Dann verstecken sie sich.

Auch heute, am Samstag (Tag 1116) bin ich zum See gelaufen und habe gebadet (19 km). Alles war ganz normal. Im Park habe ich die ersten zwei Füchse getroffen. Im Wald lief die Wildschweinfamilie auf einem parallel zum meinem Weg verlaufenden Weg. So kamen wir uns nicht in das Gehege, ich konnte aber einen Blick auf drei kleine, eilige Schweinchen werfen. Und wie immer am Wochenende war der Strand zugemüllt. Na ja, Menschen eben. Ich ärgere mich nicht! Überhaupt nicht! Jetzt warte ich auf das erlösende Gewitter. Denn es ist heute schon in der Frühe heiß und schwül gewesen.

Ich wünsche allen erträgliche Temperaturen.

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Sommerregen

Tag 1109. Wieder ist eine Sommerwoche viel zu schnell vergangen. Laufen und Schwimmen, wenn der Tag seine Unschuld noch nicht verloren hat, ist in den Sommerwochen traumhaft schön. Letztes Jahr noch bin ich widerwillig so früh gelaufen. Nur wenn ein heißer Sommertag drohte, quälte ich mich hinaus. Dieses Jahr springe ich manchmal von freudiger Erwartung angetrieben morgens aus dem Bett. Aber viermal in der Woche zum See laufen um zu schwimmen ist genug. Achtzig Kilometer in der Woche sind definitiv genug für mich. Mehr könnte mein Körper noch nicht verkraften.

Am letzten Sonntag (Tag 1103) bin ich zur Krönung der Woche morgens in der Frühe zum See gelaufen (19 km) und eine Runde geschwommen. An „meinem“ Ufer in „meiner“ Bucht saßen Jugendliche, die vom Vorabend übriggeblieben waren. Sie hörten laute Musik und sangen dazu. Obwohl ich die Ruhe des Sees liebe, gönnte ich diesen jungen Leuten ihr lautes Vergnügen. Ich lief an das gegenüberliegende Ufer. Von dort konnte ich sehen, daß das Graureiherpaar ungerührt von der Musik seinen Geschäften nachging. Den kleinen Graureiher hatten sie wenige Meter neben den jungen Leuten im Gebüsch abgestellt. Und man glaubt es kaum: Ab sechs Uhr kamen die ersten Jogger und ab sieben Uhr strömten Jogger herbei. Im Wasser war ich allein. Nur der treue Haubentaucher leistete mir Gesellschaft.

Am Montag (Tag 1104) und Dienstag (Tag 1105) beschränkte ich mich nach der Woche mit über 80 Kilometer mit halbwegs guten Gewissen auf die Meile.

Am Mittwoch (Tag 1106) lief ich wieder zum See um zu schwimmen (16 km). Drei Kilometer habe ich verloren, weil ich nach dem Schwimmen die Uhr nicht sofort wieder angestellt habe. Es regnete vom ersten Schritt an. Es war ein leichter Landregen. Die Temperatur war bei ca. 18 °C. Im Wald rief der Regen die übliche wohltuend entspannte Stimmung hervor. Am See tropfte der Regen auf die Wasseroberfläche und erzeugte die bekannten Kreise. Im See war ich auf Augenhöhe mit den Tropfen, die gerade in das Wasser fielen. Ich konnte sehen, wie sie noch einmal wie kleine Bällchen von der Wasseroberfläche abprallten und in die Luft sprangen, bevor sie endgültig in den See fielen und verschwanden. Als der Regen heftiger wurde, rissen die Tropfen bei ihrem Sprung von der Wasseroberfläche noch etwas Seewasser mit, so daß kleine Springbrunnen aus dem Wasser gen Himmel schossen. Eine Zeit lang bildeten sich Blasen verschiedenster Größe auf dem Wasser. Sie sahen wie kleine Quallen aus. Ich glaube, ich habe das noch nie so wahrgenommen. Bei alledem flog der Graureiher einmal vorbei und ich hätte nur die Hand aus dem Wasser heben müssen, um ihn zu berühren. Am Ufer sprangen fingernagel-kleine Fröschlein oder Krötlein herum. Im Wasser gab es keine Kaulquappen mehr.

Am Donnerstag (Tag 1107) bin ich wieder zum See gelaufen (19 km) um zu schwimmen. Es war noch kühl, aber es sollte ein strahlender Sonnentag werden und so kam es dann auch. Leider hatte ich unterwegs einen unangenehmen Anfall von Atemnot. Ich bin zwar bis zum See gelaufen und ins Wasser gegangen. Aber so richtig in Schwung bin ich nicht gekommen. Na ja, auch solche Tage gibt es.

Am Freitag (Tag 1108) bin ich nur kurz gelaufen, weil es den ganzen Tag in Strömen regnete.

Heute, am Samstag (Tag 1109) schien bei meinem Lauf zum See und beim Schwimmen die Sonne (20 km). Erst auf dem Heimweg fing es an, in Strömen zu regnen. Ich wurde bis auf die Haut nass. Es war ein herrlicher Platzregen, wie es ihn nur im Sommer gibt. Ich lief gerade durch einen Park, als der Himmel seine Schleusen öffnete. Fast unter jedem Baum stand jemand und tippte auf seinem Smartphone herum. Ich hatte ohnehin nur das T-shirt und die kurze Hose an. Da konnte ich mich mit Vergnügen naß regnen lassen. Wer aber seine besten Klamotten und edle Schuhe trägt, vielleicht sogar gerade vom Friseur kommt, der sucht Schutz unter großen Bäumen. Bis ich zu Hause war, war ich schon wieder trocken geworden.

Ich wünsche allen schöne Erlebnisse beim Laufen!

Morgens in aller Frühe

Tag 1102. In der Jubiläumswoche bin ich täglich gelaufen. Zweimal bin ich sehr früh morgens zum See gelaufen. In den Wochen um die Sommersonnenwende wird es schon vor vier Uhr hell und die Sonne geht schon vor fünf Uhr auf. Es ist aber noch kühl. So laden die Bedingungen geradezu zu Morgenläufen ein. Ich habe einen Fuchs gesehen und ein sehr müdes abgemagertes Wildschwein, das Frischlinge mit sich führte. Dieses Tier wirkte erbarmungswürdig auf mich. Nun ist das dreijährige Jubiläum des täglich Laufens nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung. Es ist wie mit Geburtstagen. Sie sind bedeutend und doch bedeuten sie nichts. Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum.

Am letzten Sonntag (Tag 1096), dem Jubiläumstag bin ich nur kurz gelaufen.

Am Montag (Tag 1097) habe ich das neue Laufjahr mit einem Morgenlauf an den See eingeweiht. Ich bin in aller Frühe zum See gelaufen (19 km) und geschwommen. Auf dem Weg zum See sind mir zwei Füchse und zwei Wildschweine begegnet. Die Füchse waren jeweils neugierig, aber dann doch zu scheu und haben sich in die Büsche geschlagen. Die beiden Wildschweine habe ich erst gehört und dann habe ich sie oberhalb des Weges kurz im Wald gesehen. Als ich zum See kam flogen zwei Graureiher umeinander. Im Schilf stand ein dritter Graureiher. Die Sonne war gerade aufgegangen. Durch die Beleuchtung wirkte es mehr wie eine Szene im Theater als wie die Wirklichkeit. Zwei Asiaten standen schweigend am Ufer und bewunderten die Anmut der Tiere. Ich lief weiter zu einer einsamen Bucht und ging ins Wasser (21°C) bei 14 °C Außentemperatur. Als ich im Wasser war flog ein Schwan mit dem typisch surrenden Geräusch über mich hinweg. Einmal flog er hin und einmal her. Auf dem Heimweg lief ich auf einem Waldweg, der ziemlich gerade ist und überdacht durch Baumkronen. Ein Raubvogel flog den gleichen Weg in einer Höhe von 50 cm über dem Boden. Als er mich wahrnahm, erhöhte er ganz ruhig seine Flughöhe, so daß er gerade so über meinem Kopf flog. Ich schaute ihm hinterher und sah, daß er sofort wieder in den Tiefflug wechselte.

Auch am Dienstag (Tag 1098) bin ich in der Frühe losgelaufen (21 km). Weil ein Wildschwein mit seinen Kleinen mir in den Weg lief, musste ich einen kleinen Umweg einbauen. Es lief nicht so gut, denn es war kalt (12 °C) und ich wollte einfach nicht wach werden. Am See habe ich mir ein kleines Sonnenplätzchen gesucht und bin im See (21 °C) zum Aufwärmen ein schönes Stückchen geschwommen. Zwei Schwäne surrten über mir vorbei. Im Schilf stand der kleine Graureiher und wartete auf seine Eltern. Die Stimmung am See war unglaublich friedlich. Die Sonne war gerade aufgegangen und tauchte den See in goldenes Licht. Man hörte das Wasser plätschern. Ein paar Enten quakten leise. Der Haubentaucher tauchte nur einen Meter neben mir auf. Wir schauten uns an und er verschwand wieder. Am liebsten hätte ich die Zeit festgehalten und wäre nie wieder an Land gegangen.

Am Mittwoch (Tag 1099) und Donnerstag (Tag 1100) bin ich nur kurz gelaufen. Die Anstrengung der letzten zwei sehr frühen Läufe zum See mit Schwimmen saß mir in jedem Muskel und ich war froh, daß ich mich auf die Meile beschränken konnte.

Am Freitag (Tag 1101) bin ich wieder zum See gelaufen (19 km) und geschwommen. Das Wasser war 21,5 °C war. Außen waren es knapp 14 °C und es wehte ein frischer Wind. Am Himmel flog ein riesiger Raubvogel. Einen so großen Raubvogel hatte ich noch nie gesehen. Zwei Schwäne und ein Kormoran flogen vorbei. Die erste Alge hat beim Schwimmen nach mir gegriffen. Hilfe!

Heute, am Samstag (Tag 1102) wollte ich eigentlich früh zum See laufen. Ich habe aber die Kurve nicht gekriegt, d.h., ich kam nicht aus dem Bett. So lief ich am Vormittag nur kurz und nehme mir für Sonntag den Lauf vor.

Schöne Woche und nicht verzagen, gell!

Täglich Laufen – 3 Jahre

Täglich laufen. Am 6. Juni 2013 begann ich täglich zu laufen – bis heute. Am morgigen Sonntag, dem 5. Juni 2013 (Tag 1096) werde ich drei Jahre lang jeden Tag mindestens eine Meile gelaufen sein. Ich habe über 7.500 km zurückgelegt.

Ich preise mich glücklich. Glücklich, weil ich das tägliche Laufen für mich entdeckt habe und weil es für mich funktioniert.

Beim Laufen kann ich das leise Vergnügen wahrnehmen, das im Inneren der menschlichen Seele lebt. Es wird genährt durch kleine Erlebnisse, gute Gefühle und beständige Verlässlichkeit. Es lebt vom Wandel der Jahreszeiten und vom ständigen Wetterwechsel. Sturm und Sonnenschein, Kälte und Wärme, Nebel und klare Sicht im Wechsel erzeugen täglich die Spannung, die seine Lebensenergie hervorbringt. Der Körper liebt dieses leise Vergnügen, verlangt es und dankt es.

Tagein, tagaus füttere ich dieses zarte Wesen Vergnügen, das in meinem Inneren haust, mit Erlebnissen und Eindrücken aus der Welt, die ich mir erlaufe. Auf diese Weise sorge ich dafür, daß es froh und munter ist.

Mein größtes Erlebnis in den drei Jahren war ein Uhu, an dem ich auf Augenhöhe im Abstand einer Armeslänge vorbeigelaufen bin. Er saß im Morgengrauen friedlich auf einem Treppengeländer und wir schauten uns an. Noch heute schaue ich immer auf das Treppengeländer und hoffe, daß wir uns noch einmal begegnen werden.

Die lebendige Welt da draußen hat immer etwas zu bieten. In diesem Jahr habe ich einen wunderbaren Duft entdeckt, als ich durch weiße Gewölbe aus Flieder lief. Da es wenig geregnet hatte, haben sich die Blüten sehr gut und lange gehalten und dem Frühling einen unglaublichen Duft verliehen.

Manchmal bekomme ich von Hunden, die an mir vorbei laufen, eine verstohlenen, nassen Kuss in die Hand oder auf das Bein gedrückt. Manche Hunde legen ihren Ball vor mir ab und begehren, daß ich den Ball wenigstens einmal für sie werfe. Das sind herrliche kleine Begebenheiten, die das Gemüt erheitern und den Tag besonnen.

Auch die innere Freiheit, die mir das Laufen verschafft, ist ein immenser Gewinn, der fast jeden Lauf leicht und beglückend macht. Beim Laufen ist meine einzige soziale Verpflichtung, freundlich zu lächeln, wenn mir jemand entgegen kommt. Dieser Verpflichtung komme ich immer wieder gerne nach.

Nicht zu vergessen sind die vielen kleinen Veränderungen, die der Körper in den letzten drei Jahren als Antwort auf das täglich Laufen hervorgebracht hat. Sie fühlen sich gut an. Das tägliche Häppchen frische Luft hat die bangen Fragen, die ich mir früher stellte, tief in das Reich des Vergessens gestoßen. In meinen Gedanken ist die Krankheit mehr und mehr in den Hintergrund getreten.

Inzwischen sind für mich Fragen wie: „Wann kann ich endlich den langen Hügel am See kraftvoll hoch laufen?“ wichtiger geworden als solche nach der Krankheit. Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Mir geht es nicht um Leistungssport. Auch geht es mir schon lange nicht mehr nur um die medizinischen oder therapeutischen Wirkungen des Laufens. Ich will das Glück erleben, das Bewegung hervorbringt und das man gemeinhin nur den Kindern zusprechen möchte.

Das Leben und Laufen geht weiter. Und es ist schön!