Dreitausend Kilometer

1270. Dreitausend Kilometer bin ich dieses Jahr bisher gelaufen. Ja tatsächlich: Von Januar bis November habe ich in diesem Jahr 3000 km laufend auf meinen eigenen Füssen zurückgelegt. Vor nicht all zu langer Zeit hätte ich dazu gesagt: „Wie bitte? Das geht doch gar nicht!.“ Ich hätte mich abgewendet und gedacht: „Was für eine Idiotin!“ Heute fühle ich mich damit richtig wohl. Ich war war zwar hin und wieder ganz schön erschöpft und musste in der einen oder anderen Woche kürzer getreten. Über das Jahr gesehen ging es mir aber mit der Lauferei sehr gut.

Wenn ich über Fehler nachdenke, die ich in dieser Zeit gemacht habe, dann gibt es einen Fehler, der alle anderen überragt. Der Hauptfehler war der Wunsch schneller zu laufen als ich kann. Das ist nicht bekömmlich. Vor allem, wenn ich das über mehrere Tage, sogar Wochen versuchte. Mir bekommt es viel besser, wenn ich mit mäßiger Herzfrequenz fröhlich vor mich hintrabe. Eigentlich weiß das ja jeder, der läuft. Es ist aber gar nicht so leicht, immer Maß zu halten. Hin und wieder über die Stränge zu schlagen, ist gar kein Problem. Das macht sogar richtig Spaß. Das Problem fängt erst an, wenn man es zu oft tut. Der Körper hat dann seine Tricks. Irgendwo habe ich gelesen, wenn man es übertreibt, fühlt man sich so, als hätte einen ein LKW überfahren. Ja, das ist kein schlechtes Bild. Hinzu kommt, dass auch die Seele protestiert und der Spaß verloren geht.

Den Rest des Jahres will ich deshalb ruhig und friedlich ausklingen lassen. Meine Waldseerunden sollen beschaulich sein. Ich werde nach der Natur schauen und die kühle Jahreszeit genießen.

Am Sonntag (Tag 1264) bin ich zum Badesee gelaufen (17 km). Es war ein sonniger Herbsttag. Der Uferweg am See war schwarz vor Menschen. Zu vernehmen war ein Gemurmel wie im Theater, kurz bevor der Vorhang aufgeht. Aus dem Gemurmel stach hin und wieder Kindergeschrei hervor. Im Wald war es etwas ruhiger. Einmal kreuzte ein Mäusebussard meinen Weg. Meine Atmung war freundlicher gestimmt. Der Lauf zum Badesee als Abschluss der Woche stimmte mich froh.

Am Montag (Tag 1265) bin ich abends zum Ententeich gelaufen. Das Wetter war mild und die Atmung ging gut.

Am Dienstag (Tag 1266) bin ich zum See gelaufen (14 km). Unterwegs wurde ich leicht schwach. Erst zu Hause machte mich mein Mann darauf aufmerksam, dass wir gestern nur wenig gegessen hatten. Ja, er hatte recht. Das ist ein weiterer Fehler, den ich vermeiden sollte! Nach kräftiger Speise ging es mir schnell besser.

Am Mittwoch (Tag 1267) bin ich wieder zum Ententeich gelaufen.

Am Donnerstag (Tag 1268) war ich am Waldsee (14 km). Unterwegs lief ein Eichhörnchen direkt vor mir über die Straße. Am See stand ein Graureiher in Jagdposition am Wasser. Etwas weiter entfernt stand ein Mensch bis zur Hüfte im See und angelte. Ob einer von beiden Erfolg hatte, weiß ich nicht.

Am Freitag (Tag 1269) bin ich wieder nur locker und kurz gelaufen. Ich genieße es, die Kilometerzahl deutlich herunter zu fahren, nachdem ich dieses Jahr für mich unvorstellbar weit gelaufen bin.

Heute, am Samstag (Tag 1270) war ich wieder nur kurz unterwegs. Es war nebelig und kalt. Den Monat werde ich gemütlich ausklingen lassen. Wie gesagt, das Gefühl, vom LKW überfahren zu werden, möchte ich nicht provozieren. Deshalb laufe ich streng nach Herzfrequenz. Ein paar ruhige Tage brauche ich im Moment.

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Stürmisch die Nacht und die See geht hoch

1263. Zu dieser Woche lässt sich nur sagen: „Die nächste Woche wird besser.“ Deshalb mache ich hier und heute nicht viele Worte. Nur soviel: Das tägliche Laufen hat gerade an Tagen, an denen es nicht gut geht, etwas Tröstliches. Ich kann an solchen Tagen erleben, daß es zwar nicht so gut geht, aber doch besser als es sich anfühlt. Ich bin dann froh, daß ich überhaupt draußen sein kann und beim Laufen das Leben fühlen kann. Kühle, feuchte Luft wirkt belebend und hellt das Gemüt auf.

Am Sonntag (Tag 1257) bin ich abends zum Ententeich gelaufen und habe auf dem Spielplatz ein paar Klimmzüge gemacht. Die Atmung ging unvergleichlich besser. Der Mond erhellte alles mit seinem fahlen Licht. Das Wasser im Teich war gefroren, die Luft klar und frisch.

Am Montag (Tag 1258) bin ich durch verschiedene Parks bis zum Waldrand gelaufen (10 km). Die Sonne schien. Der Himmel war blau. Das Laub und der Rasen waren mit Reif bedeckt. Es war kalt. Die Schwäche aus der letzten Woche schwächelte. Aber am Waldrand war mir klar, die Hügel im Wald sind mir zu viel. Also bin ich umgekehrt und habe die Sonne genossen.

Am Dienstag (Tag 1259) bin ich am Abend zum Ententeich gelaufen. Im Park habe ich ein bisschen Krafttraining gemacht.

Am Mittwoch (Tag 1260) bin ich vom großen Fluß über den verwunschenen See in der Schlucht am Waldsee vorbei nach Hause gelaufen (21 km). Es war ein trüber nebliger Herbsttag. Soweit noch Laub an den Bäumen hing, war es inzwischen orange bis braun. Eigentlich wollte ich nicht so weit laufen. Aber als ich am See in der Schlucht war, dachte ich: „Versuch doch mal den Berg hoch zum Teufelsohr zu laufen“. Dabei habe ich mich schrecklich verlaufen. Nebel kam auf und es wurde immer dunkler. Schließlich fing noch ein eiskalter Regen an. In mir erklang ein altes Soldatenlied: „Stürmisch die Nacht und die See geht hoch / tapfer noch kämpft das Schiff / Warum die Glocke so schaurig klingt/ dort zeigt sich ein Riff / brav ist ein Jeder an seinem Stand / ringt mit der See für`s Vaterland / Dem Tode nah, dem Tode nah / furchtlos und mutig stehen alle da …“ Ich bin nicht wie die Soldaten im Lied in die Ewigkeit gesegelt und habe auch nicht den ewigen Schlaf auf dem Grund des Meeres gefunden. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich wieder auf bekannte Pfade und konnte mich nach Hause retten. Meiner Lunge geht es ja zur Zeit nicht so gut. Nun weiß ich nicht so recht, ob ich mich ärgern soll, daß ich die arme Lunge einer solchen Strapaze ausgesetzt habe. Oder ob ich mich freuen soll, weil ich trotzdem die 21 Kilometer geschafft habe und dabei noch recht munter war.

Am Donnerstag (Tag 1261) bin ich zum Ententeich gelaufen. Trotz des Abenteuers vom Vortag ging es mir gut. Die erhöhte Medikation bringt also etwas. Ich konnte den Stein hören, der mir vom Herzen fiel.

Am Freitag (Tag 1262) und heute, am Samstag (Tag 1263) bin ich nicht sehr lang gelaufen. Es gab so viele Dinge zu erledigen. Nächste Woche wird alles besser.

So schwach

1256. Schwäche hat mich diese Woche befallen. Ich bin an fünf Tagen nur kurz gelaufen. Das Atmen ging trotz erhöhter Medikation nicht so gut. Die Vernunft gebot es, kürzer zu treten. Wie es nächste Woche weiter geht? Ich lasse es auf mich zukommen.

Am Sonntag (Tag 1250) bin ich zum Waldsee gelaufen (14 km). Die Atmung ging schwer. Es regnete unterwegs. Dennoch waren sehr viele Menschen unterwegs. Erst als ich nur noch wenige Kilometer von zu Hause entfernt war, zeigte sich die Sonne. Der Himmel wurde strahlend blau. Meine Stimmung stieg. Ein Eichhörnchen nutzte den Moment, um in gestrecktem Galopp über die Straße zu flitzen. Aber auch ein Falke stürzte sich mit indianisch anmutendem Geheul auf eine Taube.

Am Montag (Tag 1251) bin ich nur kurz gelaufen. Ich lief am Abend. Die Atmung ging recht gut.

Am Dienstag (Tag 1252) bin ich wieder zum Waldsee gelaufen und habe den Trimm-Dich-Pfad absolviert. Es war ein nebliger Novembertag. Und es war richtig kalt mit Wind. Kleidungsmässig war ich darauf nicht so gut eingestellt und so habe ich gefroren. Es waren nur wenige Menschen im Wald. Ich habe keinen Menschen ohne Hund gesehen. Es gab aber immer noch sehr schöne herbstliche Blicke auf allen Wegen. Das Training auf dem Pfad war wiedermal kraftraubend, so daß der Lauf nach Hause sehr gemütlich ausgefallen ist.

Am Mittwoch (Tag 1253) und Donnerstag (Tag 1254) bin ich nur kurz gelaufen.

Am Freitag (Tag 1255) wollte ich einen Waldseelauf mit Trimm-Dich-Pfad erzwingen. Dann kehrte ich aber nach gut zwei Kilometern um. Die Atmung will nicht. Mir war kalt. Ich gehe davon aus, daß nach ein paar Tagen mit kurzen Läufen alles wieder in Ordnung ist. Aus Erfahrung weiß ich ja, daß es nichts bringt, mit Gewalt gegen die Schwäche anzurennen.

Heute, am Samstag (Tag 1256) schien die Sonne. Ich lief trotz der Verlockung nur kurz. Die Vernunft siegte.

Herbsttage

1249. Die Atemnot konnte ich durch Anpassung der Medikation verbessern. So kann mir das vermodernde Herbstlaub das Laufen nicht vermiesen. Beim Laufen durch den Herbstwald verzaubern mich die Herbstfarben. Die bunten Blätter berauschen meine Sinne. Bei Sonne werde ich trunken durch ihr Leuchten, bei Regen durch ihren Glanz. Die meisten Vögel haben ihre Reise schon längst angetreten. So ist der Wald recht still. Nur die Farben schreien knallig ihr Abschiedslied in die Welt. Raus aus der Stadt hinein in das frohe Feuerwerk der Natur löst die eisernen Fesseln des grauen Alltags. Locker Traben und andächtig Schauen macht mich in diesen Tagen restlos glücklich. Abends schließe ich die Augen und schon wird mein Inneres von einer unglaublichen Farbenpracht geflutet. Jeder Versuch, dieses Wunder in einem Foto zu bannen, ist zum Scheitern verurteilt. Wie sollte man die grasgrüne Raupe, die auf den Waldboden gefallen ist, den metallisch bläulich schimmernden Mistkäfer, der über den Weg kriecht und das Gewölbe, hoch wie eine Kathedrale aus frohen Farben, in ein einziges Bild bannen? Einen asiatischen Besucher beobachtete ich, wie er es vergeblich versuchte. „Kamera Quer- oder Hochformat?“ fragte er seine Begleiterin mit dem Kinderwagen. „Es passt nicht alles auf das Bild! Es geht nicht! Welche Enttäuschung!“ Ich schließe die Augen und das Bild ist da. Wie beglückend!

Am letzten Sonntag (Tag 1243) bin ich nur kurz gelaufen. Es war Sonnenschein und ein bunter Herbstwald lockte zum familiären Spaziergang.

Am Montag (Tag 1244) bin ich wieder zum Waldsee gelaufen (14 km). Der Wald war immer noch schön bunt. Das Wetter war eher bescheiden. Es regnete nicht. Aber es schien auch keine Sonne. Am See habe ich mich dem Trimm-Dich-Pfad gewidmet. Die Trimm-Dich-Übungen beherrsche ich allmählich etwas besser. Die Muskeln und die Muskelkoordination sind eindeutig besser geworden. Die Sprungkraft nimmt merklich zu. Das hilft beim Laufen. Auf dem Heimweg habe ich mich von den Übungen nicht mehr ganz so ausgelaugt gefühlt. Ganz nebenbei entsteht noch ein Effekt, den ich nie ins Kalkül gezogen hatte. Je besser und je vielseitiger die Körperbeherrschung ist, die ich zurückerobere, desto genauer bemerke ich, was die Medikamente bewirken und wie ich ihren Einsatz optimieren kann, damit die Atemnot nicht allzu beklemmend ist. Ganz leise jubiliere ich innerlich. Juhu, es läuft!

Am Dienstag (Tag 1245) hat es auf der Waldseerunde (14 km) fast die ganze Zeit geregnet. Die Blätter wurden unter meinen Füssen zu Matsch. Die Pilze schossen geradezu aus dem Boden. Vielleicht sollte ich mal ein Pilzbestimmungsbuch mitnehmen. Ich sehe zur Zeit so viele Pilze, da müsste sich doch ein köstliches Mahl bereiten lassen?

Am Mittwoch (Tag 1246) bin ich nur kurz gelaufen.

Am Donnerstag (Tag 1247) war ich am Waldsee (14 km) und auf dem Trimm-Dich-Pfad. Gleich als ich in den Pfad einbog, begegnete ich zwei Polizisten zu Pferde. Wir grüßten uns und ich freute mich, daß es die berittene Polizei im Wald immer noch gibt. An jeder Übungstation kreiste über mir ein Raubvogel. Ich glaube nicht, daß er mich als potentielles Opfer ausgespäht hatte. Wenn doch, dann musste ich ihn enttäuschen. Mein zwanzigster Besuch auf dem Trimm-Dich-Pfad lief recht gut. Leider fehlten an der Affenleiter zwei Sprossen. Andernfalls könnte ich vermelden: „Durchgehangelt!“

Am Freitag (Tag 1248) bin ich nur kurz gelaufen.

Heute, am Samstag (Tag 1249) fing es am Ende des Laufes an zu regnen (14 km). Das entsprach ein bisschen meiner Stimmung. Die Atmung wollte nicht ganz so, wie ich. Die Sonne war so wenig zu erahnen, daß es fast dunkel blieb. An manchen Bäumen hing kaum noch Herbstlaub. Das Herbstlaub am Boden ging, beschleunigt durch den Regen, in Matsch über. Nur vereinzelt habe ich Spaziergänger mit ihren Hunden angetroffen. Die Übungen auf dem Trimm-Dich-Pfad gingen ganz gut. Allerdings saugten sie an diesem Tag viel Kraft aus mir heraus. So war der Heimweg anstrengend. Sobald ich zu Hause war, wandelten sich die Anstrengungen in schöne Erinnerungen.