Regenerationwoche

Tag 752. Am Sonntag (Tag 746) bin ich die Badesee-Runde (17 km) gelaufen. An Schwimmen war nicht zu denken, denn es war recht kühl. Ich bin locker und entpannt gelaufen, denn meine Muskeln waren etwas angemüdet. Wie immer an Sonntagen waren viele Menschen unterwegs. Dennoch bin ich von niemanden überholt worden. Das ist nämlich die andere Seite meiner Lauferei. Wenn ich nicht gerade zur Büroschluß-Stunde im Park zwischen jungen Kurzstrecken-Läufern und -läuferinnen laufe, werde ich nur von Radfahrern überholt. Im Bereich Wettkampf bin ich untauglich, aber im Wald, weit weg vom nächsten Parkplatz gibt es kaum Menschen, die sich laufend bewegen. Ich kann aber sagen, inzwischen denke ich nur noch selten über andere Läufer nach. Ich habe durch die ganze Lauferei ein Stück weit zu mir und meinem Körper gefunden. Wir beide, mein Körper und ich, wir kennen uns nun schon recht gut. Ich nehme Rücksicht auf seine Schwächen und so können wir in fröhlicher Harmonie durch den Wald laufen. Im Alltag erweist sich der Körper dann als ausgesprochen dankbar und macht unermüdlich mit. Was will ich mehr? Ein bißchen verstimmt mich manchmal, daß ich niemanden den Unterschied fühlen und daran teilhaben lassen kann, der durch das Training eingetreten ist. Ich kann sehr viel kompensieren und fühle mich dann eigentlich auch nicht mehr krank. Als ich den Infekt hatte, habe ich gemerkt, daß es sehr eng wurde, aber ansonsten geht es mir unglaublich gut.

Von Montag (Tag 747) bis Mittwoch (Tag 749) war ich nur kurz auf der Ententeichrunde. Dabei konnte ich einmal einen Graureiher im Anflug beobachten. Ab Nachmittag steht der Grauhreiher oft am Ententeich. Möglicherweise ziehen ihn die etwa 30-50 cm großen Goldfische an? Ich will aber keine falschen Verdächtigungen aufkommen lassen. Denn ich habe auch schon im Morgengrauen einen Angler an diesem Teich beobachtet. Am Donnerstag (Tag 750) bin ich bei schönstem Sonnenschein zum Wald gelaufen (10 km). Am Freitag (Tag 751) habe ich die Berichtswoche zur Regenerationswoche erklärt und bin nur zum Ententeich gelaufen. Heute, am Samstag (Tag 752) habe ich sie dementsprechend mit einem Lauf um den kleinen Teich im Park (8 km) ausklingen lassen und dabei die 200 Kilometermarke des Monats erreicht. In der vorletzten Kalenderwoche bin ich 55 km und in der letzten Kalenderwoche sogar 65 km gelaufen, so daß eine Regenerationswoche sinnvoll war.

Meine Medikation hat sich seit dem Infekt wie folgt eingespielt: Ich inhaliere 3 x Flutiform 125/5 und vor dem Laufen Foster. Gelegentlich inhaliere ich Spiriva-Kapseln mit dem HandiHaler. Insgesamt fühlt sich das sehr gut an. Verbessert hat sich durch diese Medikation, daß meine PeakFlow nicht mehr unter 80% meines persönlichen Bestwertes fällt und gelegentlich an 100 % heranreicht. Dadurch ist die Atemnot nicht mehr allgegenwärtig. Ich habe auch die Hoffnung, daß das Sauerstoffproblem unter Belastung geringer wird, Ich hoffe, daß sich die Grenze bevor die Belastungshypoxämie auftritt weiter hinausschiebt. Das Herz wurde durch die Belastungshypoxämie jedenfalls nicht geschädigt und so kann ich weiter laufen wie bisher und mein Körper kann sich weiter an das Laufen anpassen. Die Anpassung dauert ja schon beim jungen Menschen fünfzehn Jahre oder mehr.

Insgesamt bin ich zur Zeit optimistisch gestimmt. Mein Leben hat durch das Laufen eine Leichtigkeit, ja Fröhlichkeit erhalten, die ich mir nie erträumt hätte. Die Sorge um die Lungenkrankheit tritt in den Hintergrund. Im Vordergrund steht das Glück des Laufens in der Natur, des täglich Laufens, des Schwimmens im See, das Glück so vieler kleiner Momente, an denen ich teilhabe.

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Laufen ist mehr als Laufen

Tag 745. Noch niemals habe ich einen anderen Jogger oder eine andere Joggerin überholt. Ich habe noch keinen Radfahrer überholt. Wenn ich Fußgänger oder Wanderer überhole schnaufe ich wie die Hunde, die sie Qualzüchtung nennen. Aber ich laufe, nein ich schwebe, ich lebe, ich fliege. In meiner Vorstellung laufe ich in 3500 Meter Höhe oder höher, ich weiß es nicht genau. Klar, da muß man mehr schnaufen als im Tal. Aber ich bin eine Läuferin. Wenn ich laufe fliegt der Wald an mir vorbei, die Vögel singen für mich und die Sonne wirft ihre hellen Flecken vor mich auf meinen Weg. Das laue Lüftchen streichelt zart meine Haut. Und der See kommt näher auf meinem Weg.

Am Sonntag (Tag 739) bin ich vor Sonnenaufgang aufgewacht, habe eine Kleinigkeit gegessen und mir meinen Rucksack mit den Badesachen geschnappt und bin in den Morgen gelaufen. Nach dem nächtlichen Gewitter war es dunstig und von den Bäumen fielen hin und wieder Regentropfen. Ich trabte nicht ganz so selbstvergessen wie gewünscht vor mich hin, denn das Atmen der feuchten Luft fiel schwer. Am See angekommen lief ich zu „meiner“ Badestelle, mußte aber feststellen, daß sie morgens um 6.00 Uhr schon besetzt war. Ein männlicher Kranich schaute mich sehr pikiert an. Also mußte ich ein paar hundert Meter weiterlaufen zum nächsten morgendlichen Sonnenfleckchen. Während ich ins Wasser stieg, zeigte das Blesshühnchen ihren Drillingen gerade, welche Blätter man von den ins Wasser ragenden Bäumen verputzen kann. Der Haubentaucher stellte mir Zwillinge vor und ein Fischreiher flog eine Runde über den See. Nach dem Schwimmen wollte ich einen noch besseren Weg nach Hause finden und verlief mich. Ich kam an einem Wasserloch vorbei, da saß der Kuckuck auf einem Ast und so verdutzt, wie ich ihn anschaute, schaute auch er mich an. Bis ich nach Hause gefunden hatte zeigte meine GPS-Uhr 21 km. Noch nie war ich so weit gelaufen. Es fühlte sich orthopädisch locker und leicht an. Atmungsmäßig war es aber genug. Am Montag (Tag 740) und Dienstag (Tag 741) bin ich dann erstaunlich gut die kurze Strecke um den Ententeich gelaufen. Am Mittwoch (Tag 742) bin ich mal wieder vom großen Fluß über den Berg gelaufen. Im Badesee bin ich eine Runde geschwommen, denn inzwischen war der Tag strahlend schön und warm geworden. Der Fischreiher tauchte plötzlich einen Meter neben mir auf. Vom See bin ich nach Hause gelaufen (insgesamt 16 km). Anfangs war die Atmung nicht so gut. Nach dem Schwimmen hat es sich aber wie befreit angefühlt. Am Donnerstag (Tag 743) bin ich nur kurz zum Ententeich gelaufen. Am Freitag (Tag 744) auf der Badesee-Runde (19 km) fing es an zu regnen. Der Wald wurde ganz dunkel und es fühlte sich kalt aber irgendwie abenteuerlich an. Auf das Schwimmen habe ich verzichtet, weil Gewitter angekündigt war und ein scharfer kalter Wind wehte. Gewitter gabe es dann doch nicht und der Regen war so kurz, daß mich das Blätterdach des Waldes davor schützte, naß zu werden. Heute, am Samstag (Tag 745) bin ich abends die Ententeich-Runde (3 km) gelaufen. Nach einem anstrengenden Tag war der kleine Lauf wohltuend und hat geholfen, die Anspannung des Tages abzuschütteln.

Die reinste Glückswoche

Tag 738. Die erste Woche im dritten Jahr täglich Laufen war die reinste Glückswoche. Am Sonntag (Tag 732) bin ich unter Wolken bei kühlem Wind zum See gelaufen und eine Runde geschwommen. (18 km + Schwimmen). Es ging locker, flockig leicht. Die Geräuschkulisse wechselte. Erst die Krähen der Stadt, dann am Waldeingang die aufgeregten Meisen, dann das Klopfen des Spechtes, später das Rascheln von Amseln im Unterholz und irgendwann hat der Kuckuck gerufen. Am Sumpf war später laut und vernehmlich das Konzert der Frösche zu hören und schließlich das leise Glucksen, wenn das Wasser des klaren Sees auf das Ufer trifft. Ich habe ja im Rucksack einen Badeanzug, den ich zum Schwimmen anziehe. Eine andere Schwimmerin hatte das nicht und ist seelenruhig am Ufer in dem klaren Wasser vorbeigeschwommen. Weil die Äste der Bäume ins Wasser hängen, kann man vom Wasser aus nicht sehen, ob jemand am Ufer steht. Vom Ufer sieht man aber alles was im Wasser ist mindestens 3 m tief. Einmal ist ein Franzose auf dem Weg um den See ohne Kleider gegangen. Er erklärte jedem, dem er begegnete, daß er so begeistert war von dem schönen See, daß er einem Bad nicht widerstehen konnte. Er hatte seine Kleider am Ufer abgelegt und war ins kühle naß gesprungen, konnte dann aber seine Sachen nicht wieder finden und marschierte nun ziemlich verlegen um den See in der Hoffnung sein Kleiderhäufchen wieder zu finden. Meine Atmung war die ganze Woche sehr freundlich zu mir. Ich nehme jetzt seit ca. 1 Monat 3 x 1 Hub Flutiform und seit ein oder zwei Wochen zusätzlich vor dem Laufen 1 Hub Foster, insgesamt also 4 Hübe am Tag. Ich brauche mit dieser Medikation nur noch sehr selten Salbutamol und die Atmung fühlt sich weich und irgendwie samtig an. Wenn ich nach 18 km plus Schwimmen heimkomme, könnte ich nach zwei Stunden gleich wieder loslaufen, so wenig anstrengend ist das Laufen in dieser Woche gewesen. Am Montag (Tag 733 ) und Dienstag (Tag 734) bin ich nur zum Ententeich gelaufen, auch wenn ich diese Woche das Gefühl hatte, ich könnte Bäume ausreissen bzw. täglich zum See laufen. Ich denke, daß die ganze Weisheit des täglich Laufens darin besteht, daß man die meisten Läufe locker und leicht gestaltet. Täglich am Limit laufen, das geht auf Dauer nicht. Am Mittwoch (Tag 735) bin ich wieder die 18-km-Seerunde gelaufen. Meine GPS-Uhr mißt knapp 100o Höhenmeter. Ich weiß nicht, ob man darauf vertrauen kann. Es geht aber erstaunlich oft hoch und runter und das auch noch ziemlich steil. Am See war die Überraschung groß. Das Blesshuhn hatte drei winzige Blesshühnchen im Schlepptau. Es ist getaucht und hat die kleinen auf der Oberfläche des Sees allein gelassen. Dann kam es mit Algen im Schnabel an die Oberfläche zurück. Die Algen hat es dann einem der kleinen in den Schnabel gestopft. Der Haubentaucher war auch da und hat einen dicken Fisch gefangen. Als er ihn schluckte, mußte er richtig würgen und der Hals wurde ganz breit. Am Donnerstag (Tag 736), Freitag (Tag 737) und Samstag (Tag 738) bin ich nur zum Ententeich gelaufen. Am Freitag sind 5 Schwäne, die sich miteinander unterhalten haben, über mir am Himmel geflogen. Meine Nachbarin sagte: „Das bringt Glück!“. Ich finde es immer wieder aufregend, diese riesigen Tiere im Flug zu beobachten. Laufen macht glücklich. Das ganze Leben wird leichter. Das Atmen wird leichter, Es macht beschwingt und happy.

Täglich Laufen – 2 Jahre

Tag 731. Am 6. Juni 2013 war der erste Lauf dieser Serie. Ca. 4300 km habe ich in dieser Zeit auf meinen eigenen Beinen zurückgelegt. Zwei Jahre täglich Laufen waren eine unerwartete Bereicherung meines Lebens. Es ist ein Abenteuer, bei Wind und Wetter, bei Sonnenschein, Schnee und Eis draußen wenigestens ein kleines Läufchen zu unternehmen. Man sieht Tiere, die man nur aus dem Märchenbuch der Kindheit kannte. Beim Laufen wird man zu einem Teil der Natur. Man selbst schaut voller Staunen auf einen Uhu, der am Wegesrand sitzt. Der Uhu schaut mit dem gleichen Staunen zurück. Manchmal ruft ein Kuckuck aus dem Wald oder ein Füchslein kommt neugierig heran und man selbst schaut neugierig zurück. Ein Wildschwein grunzt die gewünschte Distanz und man selbst willigt ein. Wenn man vom Lauf nach Hause kommt, sitzen die Krähen auf ihrem hohen Ausguck und rufen lautstark eine Begrüßung vom Dach herunter. Beim Rückblick auf zwei Jahre täglich Laufen bin ich erfüllt von Dankbarkeit, daß ich das erleben darf. Ich bin froh, daß wir in einer so freien Gesellschaft leben, daß ich im Sommer in einer kurzen Hose und einem T-shirt durch den Stadtpark oder den einsamen Wald laufen kann, ohne daß etwas passiert. Wenn ich andere Leute anlächle, lächeln sie zurück, wenn ich nur so vor mich hinlaufe und keinen anschaue, sieht mich auch keiner an. Wenn ich anderen Leuten erzähle, daß ich täglich Laufe, dann finden sie das entweder toll oder ihnen ist es egal. Das gibt mir eine ungeheure innere Freiheit. Ich mache etwas, das mir Spaß macht und niemand bewertet das. Jeder nimmt es als Fakt. Es ist halt so. Die läuft täglich. Die Ängste, die ich anfangs hatte, daß ich mich überlasten könnte oder daß ich dem Laufen ganz und gar verfallen könnte, sind mitlerweile verflogen. Es tut mir gut, gibt mir Selbstvertrauen und hebt die Stimmung insgesamt.