Das keifende Blesshühnchen

Tag 72. Die Sonne schien und der Himmel war blau. Ein leichter Wind strich durch die Blätter. Die Pflanzen grünten saftig. Hier und da entfalteten sich Blütendüfte. Brennnesseln säumten kniehoch die Wegesränder. Die Wiesen waren reif zum Mähen. Glückliche Tage, die aber an der Kraft zehrten. Deshalb blieb ich der prallen Frühlingswelt in der zweiten Wochenhälfte fern. Ich lauschte dem vorbei rauschenden Zeitenstrom, ließ mich aber nicht mitreißen. Ich sammelte Kräfte.

Am letzten Sonntag (Tag 66) ersetzte ich das sonntägliche Dehnen durch etwas, das „Mobility“ heißt. Das war leichter. Das Knie war dankbar und ist nun schon fast wieder gut.

Am Pfingstmontag (Tag 67) lief ich zum Badesee (19 km). Die Lufttemperatur betrug 17 °C, die Wassertemperatur 18 °C. Ich schwamm wie immer in eine Richtung. Dabei beobachtete ich, wie ein Graureiher das Schilf anflog. Ich dachte, der wird dort wohl landen. Aber soweit kam er nicht. Ein kleines Blesshühnchen kam mit weit aufgerissenem Schnabel keifend und flügelschlagend aus dem Schilf. Der Graureiher machte, daß er weg kam und setzte sich weit entfernt neben den Kormoran auf einen Baumstamm. Der Kormoran ließ sich durch diesen Besucher nicht beim Trocknen seines Gefieders stören. Nach einer viertel Stunde wurde es mir kalt und ich drehte um. Nun blies heftiger Wind Wellen auf mich zu. Plötzlich bekam ich Atemnot und schwamm ziemlich gequält an das gerade noch erreichbare Ufer. Von da musste ich mich auf einem kleinen, geschützten Entenpfad über umgefallene Bäume und durch Gesträuch zu meinen Klamotten zurück retten. Aus irgendeinem Grund hatte ich richtig Probleme mit der Atmung. Zu meiner Beruhigung kann ich aber sagen, daß mir in jedem Moment klar war, daß ich es zurück zum Ufer schaffen würde.

Am Dienstag (Tag 68) machte ich morgens das Krafttraining unter anderem mit den einbeinigen Kniebeugen. Diesmal erschienen sie mir gar nicht so schwer. Abends machte ich noch Übungen für den Bauch.

Am Mittwoch (Tag 69) war ich wieder am See (19 km). Es war ein herrlicher Sonnentag. Die Luft war warm (22 °C) und das Wasser kalt (18 °C). Damit ich nicht wieder in Seenot geriet, verließ ich schon nach zehn Minuten das Wasser. Die kurze Abkühlung im Wasser war ein Genuss.

Am Donnerstag (Tag 70) beschränkte ich mich auf die Mehrung der Kraft im Rumpf, am Freitag (Tag 71) in den Armen.

Heute am Samstag (Tag 72) machte ich morgens das Krafttraining unter anderem mit den einbeinigen Kniebeugen. Am frühen Nachmittag widmete ich mich der Kraft im Bauch.

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Morgens in aller Frühe

Tag 1102. In der Jubiläumswoche bin ich täglich gelaufen. Zweimal bin ich sehr früh morgens zum See gelaufen. In den Wochen um die Sommersonnenwende wird es schon vor vier Uhr hell und die Sonne geht schon vor fünf Uhr auf. Es ist aber noch kühl. So laden die Bedingungen geradezu zu Morgenläufen ein. Ich habe einen Fuchs gesehen und ein sehr müdes abgemagertes Wildschwein, das Frischlinge mit sich führte. Dieses Tier wirkte erbarmungswürdig auf mich. Nun ist das dreijährige Jubiläum des täglich Laufens nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung. Es ist wie mit Geburtstagen. Sie sind bedeutend und doch bedeuten sie nichts. Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum.

Am letzten Sonntag (Tag 1096), dem Jubiläumstag bin ich nur kurz gelaufen.

Am Montag (Tag 1097) habe ich das neue Laufjahr mit einem Morgenlauf an den See eingeweiht. Ich bin in aller Frühe zum See gelaufen (19 km) und geschwommen. Auf dem Weg zum See sind mir zwei Füchse und zwei Wildschweine begegnet. Die Füchse waren jeweils neugierig, aber dann doch zu scheu und haben sich in die Büsche geschlagen. Die beiden Wildschweine habe ich erst gehört und dann habe ich sie oberhalb des Weges kurz im Wald gesehen. Als ich zum See kam flogen zwei Graureiher umeinander. Im Schilf stand ein dritter Graureiher. Die Sonne war gerade aufgegangen. Durch die Beleuchtung wirkte es mehr wie eine Szene im Theater als wie die Wirklichkeit. Zwei Asiaten standen schweigend am Ufer und bewunderten die Anmut der Tiere. Ich lief weiter zu einer einsamen Bucht und ging ins Wasser (21°C) bei 14 °C Außentemperatur. Als ich im Wasser war flog ein Schwan mit dem typisch surrenden Geräusch über mich hinweg. Einmal flog er hin und einmal her. Auf dem Heimweg lief ich auf einem Waldweg, der ziemlich gerade ist und überdacht durch Baumkronen. Ein Raubvogel flog den gleichen Weg in einer Höhe von 50 cm über dem Boden. Als er mich wahrnahm, erhöhte er ganz ruhig seine Flughöhe, so daß er gerade so über meinem Kopf flog. Ich schaute ihm hinterher und sah, daß er sofort wieder in den Tiefflug wechselte.

Auch am Dienstag (Tag 1098) bin ich in der Frühe losgelaufen (21 km). Weil ein Wildschwein mit seinen Kleinen mir in den Weg lief, musste ich einen kleinen Umweg einbauen. Es lief nicht so gut, denn es war kalt (12 °C) und ich wollte einfach nicht wach werden. Am See habe ich mir ein kleines Sonnenplätzchen gesucht und bin im See (21 °C) zum Aufwärmen ein schönes Stückchen geschwommen. Zwei Schwäne surrten über mir vorbei. Im Schilf stand der kleine Graureiher und wartete auf seine Eltern. Die Stimmung am See war unglaublich friedlich. Die Sonne war gerade aufgegangen und tauchte den See in goldenes Licht. Man hörte das Wasser plätschern. Ein paar Enten quakten leise. Der Haubentaucher tauchte nur einen Meter neben mir auf. Wir schauten uns an und er verschwand wieder. Am liebsten hätte ich die Zeit festgehalten und wäre nie wieder an Land gegangen.

Am Mittwoch (Tag 1099) und Donnerstag (Tag 1100) bin ich nur kurz gelaufen. Die Anstrengung der letzten zwei sehr frühen Läufe zum See mit Schwimmen saß mir in jedem Muskel und ich war froh, daß ich mich auf die Meile beschränken konnte.

Am Freitag (Tag 1101) bin ich wieder zum See gelaufen (19 km) und geschwommen. Das Wasser war 21,5 °C war. Außen waren es knapp 14 °C und es wehte ein frischer Wind. Am Himmel flog ein riesiger Raubvogel. Einen so großen Raubvogel hatte ich noch nie gesehen. Zwei Schwäne und ein Kormoran flogen vorbei. Die erste Alge hat beim Schwimmen nach mir gegriffen. Hilfe!

Heute, am Samstag (Tag 1102) wollte ich eigentlich früh zum See laufen. Ich habe aber die Kurve nicht gekriegt, d.h., ich kam nicht aus dem Bett. So lief ich am Vormittag nur kurz und nehme mir für Sonntag den Lauf vor.

Schöne Woche und nicht verzagen, gell!

Der See lädt zum Bade ein!

Tag 1074. Diese Woche war es endlich wieder soweit. Meinen Badeseelauf konnte ich endlich wieder mit einer kleinen Runde Schwimmen im See unterbrechen. Ich war ganz erstaunt, dass das Wasser zwar sehr kühl, aber nicht eiskalt war. Beim Einsteigen in den See war ich vorsichtig. Denn am Ufer schwammen sehr kleine Kaulquappen herum. Letztes Jahr, als ich die Erkältung hatte, habe ich sie noch krank und neidisch vom Ufer aus beobachtet. Diesmal durfte ich ihr Element teilen. Das Bad im kalten See beflügelte meine Atmung und so fühlte ich mich wunderbar leicht und selig.

Am Sonntag (Tag 1068) und Montag (Tag 1069) war es sehr heiß. Morgens war ich noch müde. Also lief ich am späten Vormittag nur kurz.

Am Dienstag (Tag 1070) lief ich zum Badesee (17 km). Die Sonne lächelte vom blauen Himmel. Ein leichter Wind reichte aus, um die Hitze in angenehme Wärme zu verwandeln. Ich hatte meine Rucksack mit den Schwimmsachen mitgenommen. Man kann ja nie wissen. Ich lief durch zartgrüne, duftende, sonnendurchflutete Wälder zum See. Ich streifte meine Laufschuhe ab und ging bis zu den Knien testweise in das Wasser. Oh! Gar nicht so kalt! Dann bin ich schwimmen gegangen. Es war kühl, aber nicht zu kühl. Herrlich! Wunderbar! Endlich! Juhu, der Sommer ist da! Schwimmen, ah! Es ist so eine schöne Abwechslung. Der kalte See erfrischt und belebt. Danach ging das Atmen für eine Weile wie von allein und ich eilte glücklich lächelnd nach Hause.

Am Mittwoch (Tag 1071) habe ich den Dienstag wiederholt, weil es so schön war. Auf dem Weg zum See fühlte ich mich noch richtig kraftvoll. Am See angekommen schwamm gerade das Haubentaucherpaar vorbei. Zwischen beiden schwamm, sorgfältig behütet, ein kleines, weißes Haubentaucherkind. Als ich ins Wasser ging schwammen wieder die kleinen Kaulquappen herum. Sie schienen über Nacht gewachsen zu sein. Vom See aus konnte ich am Ufer den Kormoran sehen, wie er seine Flügel trocknete. Außerdem konnte ich den Graureiher im Schilf sehen. Beide Vögel taten mir die Ehre an, mit neugierigem Blick einmal über mich hinweg zu segeln und nach mir zu schauen. Schnell war klar, dass ich weder Gefahr noch Speise war. Auf dem Heimweg wurde ich zunehmend schlapp. Es wurde heiß und etwas schwül. Zur Stadt hin ließ der Wind nach und so war ich am Ende froh, wieder zu Hause zu sein.

Am Donnerstag (Tag 1072) blieb es bei einem kurzen Lauf.

Am Freitag (Tag 1073) war ich wieder im See baden (18 km). Es war entgegen allen Ankündigungen traumhaftes Sommerwetter. Mir gehörte der Wald und der See allein. Ich schwamm im kalten, klaren Wasser. Ein Blesshühnchen schwamm gezielt auf mich zu und trete erst ab, als es auf einen Meter herangeschwommen war und ich es anflehte, doch bitte abzuhauen. Der Kormoran flog wieder über mich hinweg. Es war recht wellig, denn es wehte ein böiger Wind. Erst als meine Zähne anfingen zu klappern, schwamm ich zurück. Auf dem Heimweg wurde ich ganz allmählich wieder warm.

Heute, am Samstag (Tag 1074) habe ich meinen müden Muskeln zu Liebe einen kurzen Lauf eingelegt. Das passte zum sehr kühl gewordenen Wetter. Für ein Bad im See wäre es heute zu kalt gewesen. Macht nichts! Der Sommer kommt ja erst.

Das neue Laufjahr steht bevor!

Tag 941. Der Wald, die Natur und das Wetter machen ihre Angebote und ich versuche dafür offen zu sein. Ich werde es nehmen, gerade so, wie es kommt. Dabei werde ich mich glücklich preisen, solange es mir vergönnt ist, täglich Parks und Wälder laufend zu durchstreifen. Mit offenen Augen und wachen Sinnen kann jeder Lauf ein kostbares Abenteuer sein.

Für das Jahr 2016 habe ich mir vorgenommen, weiterhin locker zu laufen. Als Laufpartner erwähle ich mir wieder das Laufglück. Ziel meines Laufens ist es glücklich zu sein. Mir verschafft das Laufen eine innere Zufriedenheit. Dabei kommt es nicht auf die Zahl der gelaufenen Kilometer an. Dennoch erfüllen mich die von mir zurückgelegten Strecken mit einem köstlichen Staunen und einer gewissen Genugtuung. Mit jedem Kilometer mehr heimse ich einen kleinen Triumph ein. Dadurch wächst meine Zuversicht und meine Angst vor dem Abgrund, wird blass und schwächlich. Mehr und mehr verliert sie ihre Daseinsberechtigung.

2013 habe ich in einem Forum folgenden Satz gefunden:

„Wenn du länger – sagen wir mal 15-18 km am Stück – mehrfach alle 1-2 Tage hintereinander locker laufen kannst und das nicht darin endet, dass der Rest des Tages auf der Couch verbracht werden muss, würde ich mir Gedanken über höhere Geschwindigkeit machen. Wobei die im allgemeinen dann auch ganz von alleine kommt.“

Im Jahr 2012 hätte ich solch einen Text nicht einmal gelesen, geschweige denn für mich in irgendeiner Form passend befunden. 2013 war mir sonnenklar, daß ich das vergessen kann. Im Jahre 2014 ahnte ich, daß es vielleicht möglich sein könnte soweit zu laufen. Am Jahresende 2015 las ich den Text und dachte, hm, das mit der Strecke könnte im kommenden Jahr wahr werden. Das mit der Geschwindigkeit, na ja, wohl eher nicht.

Am letzten Sonntag (Tag 935) bin ich im Park kurz gelaufen (knapp 4 km), um die 70 km Wochenmarke zu überschreiten. Es waren sehr viele Leute unterwegs und meine Atmung ging gar nicht gut. Ich habe mir gedacht: „Nur nicht verzagen, es geht ja an vielen Tagen!“

Am Montag (Tag 936) bin ich nur kurz gelaufen trotz Sonne und blauem Himmel. Die Atmung ging viel besser als am Sonntag.

Am Dienstag (Tag 937) hat mich das Laufglück bei der Hand genommen und wir sind zusammen insgesamt 25 km gelaufen. Erst lief ich zum Badesee. Es war schönster Sonnenschein. Ich konnte die frische Luft wahrnehmen, die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren und mich über den winterlichen Wald freuen. Am See habe ich mich dann entschlossen endlich mal den Weg bergauf auszuprobieren. Bald wurde mir klar, da geht es zum großen Fluß. Ich konnte mich einfach nicht bremsen und bin zum Fluß gelaufen. Nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, brauchte ich Salbutamol, denn der Atem blieb weg. Es ging dann auf und ab und ich dachte, das schaffst Du nicht wieder nach Hause. Während des Laufens wurde aber alles immer leichter und nach 25 km war ich wieder zu Hause. Ja, so stelle ich mir einen gelungenen Lauf vor.

Am Mittwoch (Tag 938) war ich morgens beim Aufstehen davon überzeugt, die Müdigkeit sitze in jeder Zelle. Immerhin hatte ich am Vortag den längsten Lauf meines Lebens absolviert. Ich hatte aber keinen Muskelkater und überhaupt ging es mir sehr gut. So wagte ich mich an die gesamte Parkseerunde (7 km). Und es ging recht problemlos. Selbst der eiskalte Wind, den ich letztes Jahr beschuldigt hatte, mir den Atem zu nehmen, machte mir nichts aus. So durfte ich einen lockeren, entspannenden Lauf im Sonnenschein bei eiskaltem Wind genießen. Juhu!

Am Donnerstag (Tag 939) war Silvester. Ich habe mich für den Lauf zum Badesee entschieden (18 km). In diesen Tagen leben in der Stadt an allen Ecken Knallfrösche, die dazu neigen, mich anzuspringen und fast zu Tode zu erschrecken. Um den Fröschen zu entkommen, lief ich aus der Stadt hinaus. Im Wald angekommen umfing mich köstliche Abgeschiedenheit. Am See zogen drei Kormorane ihre Runden. Auf dem Rückweg habe ich an einem kleinen Teich im Wald einen Mäusebussard aufgeschreckt. Er wirkte riesig, als er sich mit seinen Schwingen leicht erhob und von dannen flog. Mit diesem Lauf bin ich in drei Tagen 50 km gelaufen. Das spürte ich. Die Atemmuskeln wollten nicht so recht und die Beine waren schwer und müde. Aber die kalte Frische und der strahlende Sonnenschein haben sehr gut getan. Es war ein würdiger Jahresabschluss!

Am Freitag (Tag 940) war der Neujahrstag. Dicker kalter Nebel, gesättigt mit Rußteilchen, bedrohten die Atemwege. Die Sonne hatte entgegen der Wettervorhersage an diesem Tag keine Chance. So bin ich nur kurz gelaufen.

Am Samstag (Tag 941) war ich wieder auf der Waldseerunde (14 km). Ich habe den Höhenweg genommen und so hatte ich einen schönen Blick auf den im Tal liegenden bleigrau-grünlichen See. Die beiden Schwäne hatten wohl Streit, denn sie hielten etwa hundert Meter Abstand von einander. Ein fettes Eichhörnchen hat sich in Augenhöhe an eine Astgabel gekrallt und so etwas wie Klimmzüge gemacht. Vielleicht wollte es ein Mädel beeindrucken. Vielleicht. Der kalte Wind und der Nebel sind durch meine Kleider gedrungen und ich wurde richtig kalt. Umso schöner wahr die wohlige Wärme, als ich wieder zu Hause war.

Ich wünsche schöne kalte Läufe, aber nicht erfrieren, gell!